Sport : „Es war wie ein Traum“

Meine EM – in unserer Serie erinnern sich deutsche Nationalspieler an ihre besonderen Turnier-Momente. Heute Folge 2: Dieter Müller über das verlorene Finale 1976 und seine Rolle als erfolgreicher Joker

Dieter Müller

Mit 20 Jahren zur Europameisterschaft zu fahren, das war schon eine tolle Sache. Eigentlich hatte sich der Bundestrainer schon gegen mich entschieden. Helmut Schön hat nie besonders viel von mir gehalten, irgendwie hat die Chemie zwischen uns nicht gestimmt, obwohl ich Herrn Schön immer als großartige Persönlichkeit respektiert habe. Sei’s drum, der Bundestrainer wollte Klaus Toppmöller mit zur EM nehmen, aber der hatte kurz vor der Abreise einen Autounfall, da war wohl auch Alkohol im Spiel, ich weiß das gar nicht mehr genau. Der Toppmöller war jedenfalls raus, und jetzt kam Herr Schön nicht mehr an mir vorbei.

Ohne jede Länderspielerfahrung bin ich also mit der Mannschaft zur EM nach Belgrad gefahren. Aber was heißt schon EM, es war eine Mini-Endrunde mit vier Mannschaften, und die Stimmung war von Anfang an seltsam. Die EM war in Jugoslawien überhaupt kein Thema, nicht mal vor unserem Halbfinale gegen die Jugoslawen. Das Stadion war nicht ausverkauft, die Zuschauer waren ganz ruhig, obwohl die Jugoslawen in der ersten Halbzeit stark gespielt und uns unglaublich unter Druck gesetzt haben. Sie sind auch schnell 2:0 in Führung gegangen, und auf unserer Bank herrschte ziemlich viel Aufregung.

Herr Schön musste sich etwas einfallen lassen, aber ich war erst mal kein Thema. Immerhin hat er in der zweiten Halbzeit Heinz Flohe eingewechselt, und der hat auch gleich unser erstes Tor geschossen. Ich glaube noch heute, dass ich bis zum Schluss auf der Bank geblieben wäre, wenn Jupp Derwall dem Helmut Schön nicht gesagt hätte, er solle mich endlich bringen. Derwall ist also zu mir gekommen und hat mich zum Warmlaufen geschickt. In der 79. Minute durfte ich endlich für Herbert Wimmer ins Spiel. Ich bin gleich nach vorne in den Strafraum. Es gab Eckball für uns, Rainer Bonhof schießt, ich springe hoch, köpfe, und der Ball ist drin. Nach 40 Sekunden in meinem ersten Länderspiel!

Der Rest war wie ein Traum. Die Jugoslawen waren völlig platt, sie haben es gerade mal so in die Verlängerung geschafft. Das 3:2 habe ich nach einem Pass von Bernd Hölzenbein geschossen, das 4:2 war ein Abstauber nach einem Schuss von Bonhof. Danach haben mich die Reporter belagert, das war alles ganz unwirklich, ich kannte das ja nicht. Drei Tore in 40 Minuten, und das bei meinem Debüt in der Nationalmannschaft, in einem Halbfinale um die Europameisterschaft – ich hätte mich am liebsten auf meinem Zimmer verkrochen, um das alles zu verarbeiten. Aber drei Tage später hatten wir ja schon das Endspiel gegen die Tschechoslowaken. Über die wussten wir gar nichts, wir hatten uns nicht mal ihr Halbfinale gegen Holland angeschaut. Nach meinen drei Toren im Halbfinale durfte ich von Anfang an spielen, aber bevor ich richtig im Spiel war, lagen wir schon 0:2 zurück. Ich habe dann wieder mein Tor gemacht, es war mein schönstes bei der EM, ein Volleyschuss nach Flanke von Bonhof. Als dann Bernd Hölzenbein kurz vor Schluss das 2:2 schaffte, war ich mir sicher, dass wir Europameister werden. Vielleicht hätten wir in der Verlängerung ein bisschen mehr riskieren sollen, denn die Tschechoslowaken waren ziemlich geschockt nach dem späten Ausgleich.

Über das anschließende Elfmeterschießen ist alles gesagt und geschrieben worden. Der DFB hatte sich vorher gegen das ursprünglich geplante Wiederholungsspiel ausgesprochen. Warum? Keine Ahnung, schließlich hatten wir konditionell Vorteile, das hätte für ein Wiederholungsspiel gesprochen. Später kam das Gerücht auf, man hätte uns erst unmittelbar vor dem Finale darüber informiert. Blödsinn! Wir wussten lange vorher, was passieren würde, wenn es nach der Verlängerung unentschieden steht. Aber mental waren wir halt nicht vorbereitet. Keiner hatte Erfahrung mit einem Elfmeterschießen, alle waren nervös, es fanden sich nicht genügend Schützen. Auch mich hat der Bundestrainer gefragt, aber ich war nie ein guter Elfmeterschütze und habe abgelehnt. Vielleicht ein Fehler, ich hatte ja nach meinen drei Toren in den beiden Spielen genug Selbstvertrauen. Am Ende wollte sogar Sepp Maier schießen, aber dann ist Uli Hoeneß eingesprungen – mit den bekannten Folgen. Er war unser vierter Schütze, und nach seinem Schuss in den Belgrader Abendhimmel hat Panenka mit seinem berühmten Lupfer alles klargemacht. Franz Beckenbauer, unser fünfter Mann, brauchte nicht mehr anzutreten.

Mit meinen vier Toren war ich inoffiziell sogar Torschützenkönig, offiziell gab es diesen Titel noch nicht. Damals habe ich nicht geahnt, dass diese EM schon der Höhepunkt meiner internationalen Karriere war. Vielleicht hätte ich als Europameister ein paar Länderspiele mehr gemacht, aber als Kölner hatte man damals in der Nationalmannschaft kein besonders gutes Standing. In der Saison nach der EM bin ich Bundesliga-Torschützenkönig geworden mit 34 Treffern, darunter kein einziger Elfmeter.

Aufgezeichnet von Sven Goldmann.

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