Sport : Europameister mit neuer Mission

Die Griechen wollen Rehhagel – aber was will er?

Torsten Haselbauer[Athen]

Es ist ein ungemütlicher Herbst für Griechenlands Fußball. Vor vier Wochen scheiterte der amtierende Europameister mit seinem Trainer Otto Rehhagel in der WM-Qualifikation. Dann folgten schlimme Niederlagen der beiden Champions-League-Vertreter Olympiakos Piräus (1:4 gegen Olympique Lyon) und Panathinaikos Athen (0:5 gegen FC Barcelona). Und schließlich kam am vergangenen Dienstag auch noch das Aus als Kandidat für die Ausrichtung der Europameisterschaft 2012. Wenigstens scheint in die schon einen Monat lang dauernde Trainerfrage bei den Griechen Bewegung gekommen zu sein. Die Zeichen mehren sich, dass der 67-jährige Otto Rehhagel am kommenden Mittwoch nach dem Länderspiel in Piräus gegen die von Lothar Matthäus gecoachten Ungarn seine Vertragsverlängerung als Trainer bekannt gibt.

„Wir sind zusammen gekommen und werden zusammen gehen", erklärte unlängst der Präsident des griechischen Fußballverbandes, Vassilis Gagatsis. Und weil der mächtige Funktionär bisher keine Anstalten macht, seinen Platz zu räumen, gilt eine weitere, zweijährige Amtszeit Rehhagels als nahezu sicher. Rehhagel, der erfolgreichste Nationaltrainer, den die Griechen je hatten, schweigt zu allen Spekulationen. Er ist sich aber der reizvollen Aufgabe bewusst, die ihn erwartet. In seiner wohl letzten Trainerstation muss der Essener Erfolgscoach eine seiner „schwierigsten Trainermissionen meistern“, wie es die täglich erscheinende Sportzeitung „Goal“ formulierte. Nichts anderes als den kompletten Umbau des arg in die Jahre gekommenen Europameisters fordern die Griechen von ihrem „Rehhakles“. Das sportliche Ziel, das unter einer neuen Ägide Rehhagels angestrebt wird, ist die Qualifikation zur EM im Jahre 2008 in der Schweiz und Österreich.

Der 67-jährige Trainerstratege Rehhagel gilt nicht als ausgewiesener Vertreter eines kompletten Neuaufbaus. Vielleicht liegt gerade darin der Grund, warum er das finanziell nicht unattraktive Vertragsangebot – es wird von knapp einer Million Euro Gage pro Jahr gemunkelt – noch nicht unterschrieben hat. „Für mich gibt es nicht junge und alte Spieler, sondern nur gute und schlechte“, erläuterte Rehhagel kurz nach dem Scheitern in der WM-Qualifikation seine Trainerphilosophie. Eine Art Ü 30, die komplette Europameistermannschaft aus dem Jahre 2004 also, versuchte der deutsche Trainer zur Weltmeisterschaft nach Deutschland zu führen.

Die Quittung für diesen mangelnden fußballerischen Innovationsgeist war ein enttäuschender vierter Platz in der Qualifikationsgruppe. Denn selbst der erfahrene Rehhagel vermochte es nicht, die alten EM-Helden zu revitalisieren. Deshalb beruft der Trainer jetzt, mehr aus der Not als aus tiefer innerer Überzeugung, Spieler in den Kreis der Nationalmannschaft, die fast seine Enkel sein könnten.

Für das Mittwochspiel gegen Ungarn kündigt sich erstmalig in Rehhagels nunmehr vierjähriger Amtszeit ein echter Generationswechsel im griechischen Team an. Nur noch elf Europameister aus dem vergangenen Jahr stehen in dem 22-köpfigen Aufgebot. Statt auf die derzeit ausgelaugten oder angeschlagenen Dauerbrenner Karagounis, Vrysas, Charisteas oder Dellas zu setzen, berief Rehhagel beispielsweise zwei Spieler aus Provinzvereinen in das Nationalteam, die selbst erfahrene griechische Sportjournalisten nicht auf Anhieb einzuordnen wussten. Dem erst 20-jährigen Panajotis Lagos von Iraklis Saloniki oder Paraskevas Antzas aus dem nordgriechischen Überraschungsteam von Skoda Xanthi werden realistische Chancen eingeräumt, das blau-weiße Trikot der „Ethniki“ überziehen zu dürfen. Das wäre wohl erst der Anfang von Rehhagels neuer Trainermission in Griechenland.

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