+++Exklusiv-Interview+++ : Hackl: "Rodeln ist kein gefährlicher Sport"

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel beschreibt Georg Hackl, wie er den tödlichen Unfall des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili erlebt hat. Aus seiner Sicht ist der Sturz allerdings nicht auf die umstrittene Bahn im Whistler Sliding Centre zurückzuführen.

Vancouver 2010 - Rodeln
Georg Hackl. -Foto: dpa

Herr Hackl, trotz des tödlichen Unfalls des Georgiers Nodar Kumaritaschwili wird bei den Olympischen Spielen in Vancouver weitergerodelt. Finden Sie das in Ordnung?


Auf jeden Fall. Dort, wo der Sportler rausgeschleudert wurde, musste die Seitenwand erhöht werden. Da mussten hohe Holzplatten angebracht werden, dann fliegt der Rodler nicht mehr raus, sondern prallt gegen die Platte, fällt zurück auf die Bahn und rutscht weiter. 

In der Nacht zum Samstag ist das gemacht worden. Außerdem starten die Herren jetzt vom Damenstart. Was halten Sie davon?

Aus meiner Sicht ist das nur eine Lösung, um Laien und Nichtkenner zufrieden zu stellen. Das kann so einen Unfall auch nicht gänzlich ausschließen.

Haben Sie so einen tragischen Sturz schon einmal erlebt? 

Bei uns Rodlern sind Stürze an der Tagesordnung. Im Lauf zuvor ist Armin Zöggeler, der weltbeste Rodler, spektakulär gestürzt. Das ist normal. Man steht auf, schüttelt sich und fährt noch mal. Normalerweise gehen bei uns Stürze sehr, sehr glimpflich aus. 

Warum war das am Freitagvormittag anders? 

Weil ein Fall eingetreten ist, den niemand in der Rodelwelt für möglich gehalten hätte. Sonst hätte man im Vorfeld etwas dagegen getan.

Es gibt die Vermutung, dass der Georgier zu unerfahren für die extrem schnelle Olympiastrecke war. Könnte der Unfall auch erfahreneren Rodlern passieren?

Dass wir Rodler uns bei Olympia blamiert haben mit Fahrern, die den Anforderungen überhaupt nicht genügt haben, das hatte es ja zuletzt in Salt Lake City gegeben. Der internationale Rodelverband hat danach Kriterien aufgestellt, die sicher stellen, dass nur wirkliche Könner bei Olympia teilnehmen können. Und keine Olympiatouristen. 

Wie haben Sie den Unfall erlebt? 

Bei mir ist der Georgier noch schön vorbei gefahren. Ich stand neben meinem Kameramann, der den Unfall dann in seiner Kamera beobachtet hat. Er hat sofort gesagt: Der ist tot. Das war für einen, der das gesehen hat, wohl gleich erkennbar. Es hat sich dann über eine Stunde hingezogen, bis man nach den eingeleiteten Wiederbelebungsmaßnahmen die traurige Gewissheit hatte. 

Warum endete dieser Unfall so tragisch?

Weil Nodar Kumaritaschwili einfach aus der Bahn geschleudert wurde. Am Königssee ist mal ein Bob in einer ähnlichen Situation in der Zielkurve aus der Bahn geschleudert worden. Die Fahrerin war auch sofort tot. Das war eine deutsche Olympiateilnehmerin, eine Bremserin, die Pilotin werden wollte. Der Unfall ist von einer Anfängerstarthöhe passiert, dort, wo zehn Jahre alte Kinder losfahren. Das hat also mit der Geschwindigkeit nicht so viel zu tun. Es ist unerheblich, ob dir so etwas mit 60 oder mit 150 Stundenkilometern passiert. 

Aber müssen es gleich 154 Stundenkilometer wie in Whistler sein? 

Ob er jetzt mit 154 oder 135 Stundenkilometer gegen diesen Pfeiler prallt, ist wurscht. Der ist mit 60 Stundenkilometern genauso tot. 

Die Bahn ist also nicht schuld? 

Es ist eine Bahn, die wesentlich schneller ist als alle anderen Bahnen, die wir kennen. Es war am Anfang eine sehr hohe Anforderung für die Athleten. Aber es ist die Aufgabe für die Athleten, diese Anforderungen zu meistern. Das haben sie geschafft, die beherrschen alle die Bahn, einschließlich des Georgiers. So ein lächerlicher Fahrfehler, der passiert. 

Was war denn sein Fahrfehler?

Er ist einfach zu spät in die letzte Kurve eingefahren. Dann hat er einen ungünstigen Einfahrwinkel und dann geht es gleich hoch in die Kurve. Dort verliert der Schlitten an Geschwindigkeit und fällt ab. Und wenn er unten ist, dann will der Schlitten wieder hoch. Die Krümmung der Innenbande ist verantwortlich dafür, dass der Fahrer hochgeschleudert wird. Auf der linken Seite ist die Kurve zu Ende – und er fliegt raus. 

Ist nicht der eigentliche Fehler nicht, dass außerhalb der Bahn ein Stahlträger steht?

Wir gehen davon aus, dass die Sportler bei Stürzen in der Bahn bleiben. Deshalb legen wir kein so großes Augenmerk auf die Aufbauten drumherum. Nach unserem Ermessen hätte das nicht passieren können. Es hat ihn auch noch so ausgehoben, dass er wie ein Hochspringer im Fosbury-Flop gerade so über die Erhöhung der Bande rübergeschleudert wurde. Es sind ganz viele unglückliche Umstände zusammengekommen. 

Ist Rodeln ein gefährlicher Sport?

Nein, weil wir solche Fälle sehr, sehr selten haben. Es passieren immer und überall auf der Welt unglückliche Unfälle. Wenn sie ein LKW überfährt, ist das genauso unkalkulierbar. Man versucht aber, alles nach menschlichem Ermessen zu tun, um so etwas auszuschließen. 

Wie gehen die Fahrer mit dem Unglück eines Kollegen um?

Die arrivierten Fahrer wissen, dass das passieren kann. Felix Loch ist sehr auf sich fokussiert, er versucht das eher zu verdrängen. Andi Langenhahn ist ein Motorradfreak, er geht völlig offen damit um. Er analysiert den Unfall, warum und wieso. David Möller habe ich seit dem Unfall nicht mehr gesehen. 

Würden Sie überhaupt auf dieser Bahn fahren wollen?

Ich würde gerne fahren, es ist die schnellste Bahn der Welt. Aber das könnte ich nur, wenn ich noch im Trainingsprozess wäre. Es gibt im Rodeln einfach keine Bremse. Wenn du oben losfährst, dann musst du da durch.


Das Interview führte Benedikt Voigt

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