Sport : Eyjölfur Sverrisson: Der Mann, der einfach da ist

Stefan Hermanns

Wenn Eyjölfur Gjafar Sverrisson einem Fremden die Vorzüge seiner Heimat näher bringen müsste, würde er ihm von der Mittsommernacht erzählen: wenn die Sonne gar nicht richtig untergeht, sondern wie ein Ball auf der Meeresoberfläche schwimmt und dann wieder in die Höhe steigt. "Du guckst gegen die Sonne, alles wird rot", sagt Eyjölfur Gjafar Sverrisson, den alle Jolly nennen. "Eine traumhafte Vorstellung." Sverrisson stammt aus dem Norden Islands. Auf der Insel - so groß wie die frühere DDR - leben nicht einmal 300 000 Menschen, weniger als in Charlottenburg. Sverrisson liebt die Natur und deren Schauspiele, auch "dass man überall zelten kann". Oder reiten. Und angeln. "Kriminalität gibt es kaum." Island muss das genaue Gegenteil sein von Berlin.

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Seit fast sechs Jahren lebt Sverrisson in der großen Stadt. 1995 kam er aus Istanbul zu Hertha BSC, auf Empfehlung von Christoph Daum. Der ahnte schon damals: "Berlin wird was Riesiges erreichen." Sverrisson findet, dass die Stadt viel zu bieten hat. Nur mit dem Angeln ist es schwierig. Aber so oft es geht, fliegt er nach Reykjavik, um seine beiden Söhne und ihre Mutter zu besuchen. Sverrisson führt eine fast normale Fernbeziehung, "nur dass wir in verschiedenen Ländern leben". Und daran ändert sich wohl erst einmal nichts. Schon in Kürze könnte Sverrisson, der im August 33 wird, einen neuen Vertrag bei Hertha unterschreiben. "Der Verein will mich halten", sagt er, "ich will bleiben. Das ist erst mal eine gute Voraussetzung." Möglicherweise fällt bereits am Wochenende eine Entscheidung, wenn Hertha in Stuttgart gegen den VfB spielt. Sverrissons Berater lebt in Lörrach. Von Berlin aus gesehen liegt das ganz in der Nähe von Stuttgart.

Stuttgart war Sverrissons erste Station im Ausland. 1992, als 23-Jähriger, holte er mit dem VfB die Meisterschaft. "Mit Stuttgart verbindet mich nicht mehr viel", sagt Sverrisson heute. Er habe kaum noch Freunde dort, die aktuellen Spieler des VfB kennt er fast nur aus dem Fernsehen. Über Hertha hingegen sagt der Kapitän der isländischen Nationalmannschaft, der Klub werde "immer einen Platz in meinem Herzen haben".

Als Sverrisson nach Berlin kam, spielte Hertha in der Zweiten Liga, untere Hälfte. Er erinnert sich an eine Begegnung gegen Lübeck, an 1200 Zuschauer im Olympiastadion. "Man hat jede Stimme gehört", sagt Sverrisson. "Das war ganz witzig." Nur das Spiel war es nicht, eher schlecht wie das Wetter. Es muss die Zeit gewesen sein, als die Zuschauer noch gejubelt haben, wenn Herthas Abwehrspieler in letzter Not den Ball aus dem Strafraum bolzten. Heute pfeifen die Leute bei ähnlichen Aktionen.

"Die Entwicklung des Vereins ist einfach genial gewesen", sagt Sverrisson. Von der Zweiten Liga in die Champions League in nicht einmal fünf Jahren. "Das haben viele vergessen." Wie an der Börse sei das, wenn es mit dem Aktienkurs lange Zeit steil nach oben gegangen ist. Bei einer kleinen Korrektur dürfe man nicht gleich die Geduld verlieren, sagt Sverrisson. Doch vermutlich ist es der natürliche Lauf der Dinge: Je größer die Erfolge sind, desto schneller wachsen die Ansprüche. Auf Dauer braucht Hertha schillernde Stars für das verwöhnte Volk. Sverrisson findet das normal, "damit die Leute Gesprächsthemen haben". Doch Spieler wie er, deren auffälligste Leistung es ist, einfach immer da zu sein, werden auf diese Weise zu Opfern des eigenen Erfolgs. "Ich bin sehr unauffällig", sagt Sverrisson selbst. "Mich erkennt man nicht immer auf der Straße."

Vor 14 Tagen hat er in Bochum sein 100. Bundesligaspiel für Hertha bestritten. Nicht mal dem "Kicker", der sonst jedes Jubiläum vermeldet, ist das aufgefallen. Jürgen Röber, schon in Stuttgart Sverrissons Trainer, schätzt "seine Erfahrung" und dass er auch mal den Ellbogen ausfährt. Aber Röber sagt auch, Sverrisson könne nicht erwarten, "dass der Stammplatz garantiert ist". Tut er auch nicht. Doch Sverrisson, der als Stürmer angefangen hat und schon lange in der Abwehr seinen Dienst verrichtet, ist erfahren genug, um zu wissen, dass sich für einen wie ihn im Laufe einer Saison immer ein Platz findet. Sicher werde Hertha im Sommer neue Spieler kaufen, sagt Eyjölfur Gjafar Sverrisson, "aber gebraucht werde ich auf jeden Fall".

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