Sport : Fahrt in neue Tiefen

Dopingvorwürfe bei Lance Armstrongs Abschied

Tom Mustroph

Berlin - Eigentlich sollte die Tour Down Under, die noch bis zum 23. Januar stattfindet, das Abschiedsrennen von Lance Armstrong werden. Der Texaner hat eine große Fangemeinde in Australien. Die Veranstalter wollen gern in die Upperclass des Renngeschäfts aufsteigen und die Aufmerksamkeit, die Armstrong mit sich bringt, ist dabei durchaus hilfreich.

Armstrongs letztes Rennen ist aber für den Texaner bereits jetzt zum medialen Desaster geworden – wegen eines Artikels in Amerikas renommierter Sportzeitschrift „Sports Illustrated“. Zwar wehrte er Reporteranfragen wie gewohnt brüsk ab: „Dazu habe ich nichts zu sagen.“ Doch die Vorwürfe sind so detailliert, dass Armstrong nicht darum herumkommen wird, sich ausführlicher zu äußern. Zumindest dann, wenn er von der Grand Jury konfrontiert wird, die aktuell allen Dopinghinweisen beim siebenfachen Tour de France-Gewinner nachgeht.

Bereits in den späten Neunzigerjahren interessierte sich Armstrong laut „Sports Illustrated“ für Produkte des Pharmaunternehmens Baxter. Einer Quelle zufolge, die „zum Ermittlerkreis des aktuellen Dopingverfahrens“ gehöre, „erhielt Armstrong Zugang zu einem Medikament, das sich in den späten Neunzigerjahren in klinischen Tests in den USA und Europa befand“. Es soll sich dabei um den Hämoglobin-basierten Blutersatzstoff Hem-Assist handeln. Baxter brach nach einigen Todesfällen die Produktion ab.

Robert Przybelski, einer der damaligen Forscher im Labor von Baxter, bezeichnete gegenüber „Sports Illustrated“ HemAssist als „ein ideales Produkt für jemanden, der etwas Besseres als herkömmliches Epo herstellen will“. Hämoglobin-basierte Sauerstoffträger „tun alles, was Epo auch tut – ohne deren bekannte Nebenwirkungen“, meinte Przybelski.

Was mit der zu Testzwecken hergestellten Medikamentenmenge passierte, ist derzeit unklar. Tatsache ist, dass noch im Jahre 2002 eine Studie zu Hem-Assist publiziert wurde und dass das Präparat in Radsportkreisen bekannt war. Während des Giro d’Italia 2001 fand die Polizei im Camper der Eltern des italienischen Radprofis Dario Frigo eine Ampulle, die mit dem Etikett „Hem-Assist“ beschriftet war. Frigo gab an, das Fläschchen im Internet erworben zu haben. Laboranalysen bewiesen freilich, dass er Opfer eines Schwindlers war: Das Fläschchen enthielt nur Wasser.

„Sports Illustrated“ und Chefermittler Jeff Novitzki müssen nun nachweisen, dass Armstrong Fläschchen bekam, die mehr als Wasser enthielten. Dass das Magazin die Story brachte, darf man als Hinweis werten, dass Redakteure und Blatteigner Time Warner sich ihrer Sache sicher sind.

Gerüchte über ein Wunderdopingmittel im Besitz von Armstrong gibt es seit langem. Doch niemals waren die Vorwürfe derart präzise. Seine letzte Tour Down Under könnte Armstrong in ganz unerwartete Tiefen führen.

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