Fairplay : Tobende Trainer

Wenn Emotionen hochkochen: Das kontroverse 1:1 zwischen Dortmund und Mainz löst eine Grundsatzdebatte über Fairplay im Fußball aus.

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Nicht mit mir, mein Lieber. Thomas Tuchel (r.), Coach des FSV Mainz 05, weist die Vorwürfe seines Trainerkollegen Jürgen Klopp von Borussia Dortmund energisch von sich.
Nicht mit mir, mein Lieber. Thomas Tuchel (r.), Coach des FSV Mainz 05, weist die Vorwürfe seines Trainerkollegen Jürgen Klopp von...Foto: dpa

Wie müssen sich Fußballer verhalten, wenn ein Gegenspieler verletzt am Boden liegt? Und wie der Schiedsrichter? Und darf eine Mannschaft jubeln, wenn ihr in einer solchen Situation ein Tor gelingt? All diese Fragen wurden am Samstagabend im Dortmunder Stadion erörtert. Zuerst extrem hitzig am Spielfeldrand, später immer noch sehr emotional im Studio des Bezahlsenders „Sky“ und schließlich mit dem nötigen Abstand in der Pressekonferenz. Es war die 89. Minute der Begegnung zwischen Borussia Dortmund und dem 1. FSV Mainz 05, der diese geballte Menge an Diskussionsstoff in sich barg. Da führte der Spitzenreiter vor 80.720 Besuchern im ausverkauften Stadion durch den frühen Treffer von Mats Hummels mit 1:0, als Neven Subotic bei einem Mainzer Angriff aus kurzer Distanz einen Ball in den Unterleib bekam und zu Boden sank.

Während sich der Manndecker vor dem Strafraum krümmte, flankte Marcel Risse nach innen, wo Petar Sliskovic stand und zum Ausgleich einschoss. Es war der Auftakt zu tumultartigen Szenen. BVB-Trainer Jürgen Klopp stürmte wutentbrannt zur Mainzer Bank und schubste den Physiotherapeuten Uli Märten, mit dem er jahrelang kollegial zusammengearbeitet hat, zur Seite. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Klopp am Spielfeldrand so gebärdet, diverse Strafzahlungen und alle Beteuerungen, sich zu läutern, haben bislang nicht gefruchtet. Sein Kollege Thomas Tuchel reagierte ähnlich hitzig, die beiden aufgebrachten Fußballlehrer tanzten mit wilden Gebärden an der Seitenlinie herum. Später bemühte sich Klopp, die Dinge zu relativieren: „Dass die Emotionen hochkochen, ist nachvollziehbar. Aber es sind keine Beschimpfungen oder andere schlimme Dinge passiert.“ Dennoch: Dieser Auftritt war ebenso unnötig wie der des Mainzer Torhüters Christian Wetklo. Der frühere Schalker baute sich nach dem Schlusspfiff vor der Südtribüne auf und provozierte die „Gelbe Wand“ mit Gesten, als wolle er sich für einen Auftritt im „Dschungelcamp“ empfehlen.

Als das Spiel wenige Minuten danach beendet war, mochten sich die Gemüter kaum beruhigen. „Das hat mit Fair Play nichts zu tun“, ereiferte sich Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: „Neven lag da eine Minute, und die spielen es eiskalt runter. Wenn unsere Mannschaft das gemacht hätte, wäre ich völlig entsetzt gewesen.“ Ein Vorwurf, der impliziert, die Mainzer Spieler hätten den Kollegen wahrgenommen, was Tuchel in Abrede stellte: „Es ist eine Unterstellung zu behaupten, dass wir das absichtlich getan haben.“

Bleibt die Rolle des Unparteiischen, den Mittelfeldspieler Sven Bender in die Pflicht nahm: „Wenn man den Schiedsrichter mehrmals darauf aufmerksam macht, muss er das Spiel irgendwann unterbrechen.“ Felix Brych tat das nicht, und dafür hatte er gute Gründe, wie er im „ZDF-Sportstudio“ erläuterte. Er dürfe dies nach Regel fünf nur dann tun, „wenn ich der Meinung bin, dass eine ernsthafte Verletzung vorliegt“. Eine Ermessensfrage, die er zuungunsten des BVB auslegte, was Klopp bedauerte: „Wir sind alle Männer und wissen, dass ein Schuss in den Unterleib sehr, sehr schmerzhaft ist.“

Später, als die Beteiligten langsam wieder Normaltemperatur erreichten und sich die Diskussionen versachlichten, stellte der Mainzer Manager Christian Heidel die Frage, wie sich die Dortmunder im umgekehrten Fall verhalten hätten. Bei der Antwort verzichtete Klopp darauf, die moralische Keule zu schwingen: „Ich hätte nicht reingebrüllt, spielt den Ball ins Aus“, gab der Trainer ehrlich zu. Mit seinem Kollegen Thomas Tuchel sei er im Guten auseinandergegangen: „Wir haben uns geeinigt, wenn schon Unentschieden, dann das nächste Mal 4:4. Dann müssen wir uns nicht über ein Tor aufregen.“

Bei all dem Trubel geriet in Vergessenheit, dass der immer noch souveräne Tabellenführer im Titelkampf weitere Punkte liegen gelassen hatte. Im Dortmunder Lager bemühen sie sich kollektiv, dem Eindruck entgegenzuwirken, die junge Mannschaft zeige auf der Zielgeraden einer tollen Saison Nerven. „Wir haben jetzt 62 Punkte“, sagte Klopp, „ich habe schon von schlimmeren Dingen gehört.“ Nationalspieler Marcel Schmelzer sagte: „Alle werden jetzt sagen, dass wir eine Krise haben. Aber das interessiert uns nicht. Weil wir keine Krise haben.“

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