Sport : Fast ganz unten

Hamburg verliert auch gegen Schalke und rutscht auf den vorletzten Tabellenplatz ab

Karsten Doneck[Hamburg]

Gleich nach dem Pfiff zur Pause bildete sich an der Mittellinie ein Diskussionszirkel. Gestenreich redeten Juan Pablo Sorin, Raphael Wicky und Boubacar Sanogo auf Schiedsrichter Felix Brych ein. Die Profis des Hamburger SV ließen ihrem Unmut freien Lauf über eine kurz zuvor gefällte Entscheidung des Referees aus München. Der hatte David Jarolim, Mittelfeldspieler des HSV, für zwei Fouls innerhalb von nur drei Minuten erst Gelb und dann Gelb-Rot gezeigt. Der HSV fühlte sich kräftig benachteiligt. Felix Brych aber hatte seine Karten völlig zu Recht. Und in Unterzahl hatte für die Hamburger nur eines Bestand: die Sehnsucht nach dem ersten Saisonsieg. Schalke 04 gewann trotz einer wenig souveränen Leistung in der mit 57 000 Zuschauern ausverkauften AOL- Arena mit 2:1 (1:1), und Stürmer Halil Altintop freute sich: „Dieser Sieg war notwendig, schließlich wollen wir um die Meisterschaft mitspielen.“

Derart hohe Ansprüche anzumelden, sollte sich nach der Leistung der Schalker in Hamburg allerdings erst einmal verbieten. Die Gäste sind nun zwar Tabellendritter, trugen aber auch maßgeblich zu einem insgesamt zerfahrenen, weil von vielen Fehlpässen geprägten Spiel bei. Technische Raffinesse ließen beide Mannschaften kaum einmal sehen. Die Schalker nahmen neben den drei Punkten auch die Erkenntnis mit auf die Heimreise, dass die erwarteten Millionen eines russischen Energieunternehmens nicht zwangsläufig zu einem geordneteren Spielsystem voller Geistesblitze führen.

So mäßig das Niveau einerseits war, so liefen die 90 Minuten andererseits doch überaus lebendig ab. „Es ist allerhand passiert“, wertete HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer. Über den Platzverweis gegen Jarolim durfte sich der HSV schon allein deshalb nicht beschweren, weil bereits zuvor Nigel de Jong Gelb-Rot verdient gehabt hätte, aber da legte Schiedsrichter Brych die Regeln noch ausgesprochen großzügig zugunsten des HSV aus. Zu den diskussionswürdigen Aufregern zählte auch jener Elfmeter, den Juan Pablo Sorin kurz nach der Pause im Zweikampf mit Mladen Krstajic für den HSV herausgeholt hatte. Boubacar Sanogo schoss den Strafstoß – aber so schwach, dass Schalkes Torwart Frank Rost fast mühelos abwehren konnte. „Danach war ich mir ziemlich sicher, dass wir gewinnen“, sagte Schalkes Zlatan Bajramovic. „Zwei Rückschläge in so kurzer Zeit – das ist schwer zu verkraften“, sagte HSV-Trainer Thomas Doll.

Und Bajramovic behielt recht: Nach dem 1:0 durch Halil Altintop in der 16. Minute und dem Ausgleich durch Piotr Trochowski nach einer halben Stunde gelang Marcelo Bordon nach 53 Minuten der entscheidende Treffer. Der Schalker Sieg war indes keine Ruhmestat, weil die Mannschaft selbst in Überzahl immer wieder in Schwierigkeiten geriet gegen einen verzweifelt um wenigstens einen Punkt kämpfenden HSV. „Wir haben das Ergebnis gegen zehn Mann eher verwaltet, als dass wir uns selbst Chancen rausgearbeitet hätten“, gab Schalkes Trainer Mirko Slomka zu und sprach von einem „glücklichen Sieg“.

Der HSV hat letztmals ein Heimspiel am 9. April gewonnen: 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach. Fast trotzig stellt Beiersdorfer fest: „Unsere Mannschaft hat sich nicht so verkauft, als ob sie an einem Tiefpunkt angekommen sei.“ Tabellenletzter ist der HSV in der Tat noch nicht – der VfL Bochum verhindert dies bislang. Allerdings wird der Klub im Moment auch von heftigen Personalsorgen geschüttelt. „Wir haben das Problem, noch nicht einmal in dieser Saison mit der einigermaßen kompletten Mannschaft gespielt zu haben“, sagte Beiersdorfer. Neben van der Vaart, Demel, Reinhardt (alle verletzt) und Mahdavikia (gesperrt) fiel kurzfristig auch noch der fest eingeplante Vincent Kompany wegen Leistenbeschwerden aus. Raphael Wicky rückte deshalb zusammen mit Mathijsen in die Innenverteidigung. Sicher standen beide nicht. Thomas Doll gibt die Hoffnung auf Besserung nicht auf. Er sagt: „Wenn man am Boden liegt, muss man wieder aufstehen und alles versuchen.“

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