Sport : Favorit als fairer Gratulant

Benedikt Voigt

Eigentlich war es wie so oft in diesem Winter. Sven Hannawald rutschte durch den Auslauf im Utah Olympic Park, reckte beide Zeigefinger in die Höhe und jubelte. Auf 99 Meter war er gesprungen, so weit wie kein anderer an diesem olympischen Vormittag in Park City. Und doch bot der beste deutsche Skispringer am Ende ein ungewohntes Bild: Hannawald applaudierte mit dicken Handschuhen einem anderen Skispringer.

Salt Lake City 2002 Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Der Dauersieger geriet in Park City zum Gratulanten. "Es ist schon ein bisschen enttäuschend, aber auf jeden Fall hat heute der Beste gewonnen", sagte Hannawald. Mit zweieinhalb Punkten Rückstand auf den Überraschungssieger Simon Ammann aus der Schweiz gewann der 27-Jährige bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City auf der Normalschanze die Silbermedaille. Der Pole Adam Malysz kam auf Rang drei, eine unsichere Landung im ersten Durchgang verhinderte ein besseres Ergebnis.

Der weiteste Sprung des Tages reichte Sven Hannawald im zweiten Durchgang nicht zum Sieg, weil der 20-jährige Schweizer mit einem Satz auf 98,5 Meter seinen Vorsprung aus dem ersten Durchgang halten konnte. "Ammann hatte ich nicht auf meine Liste", sagte Martin Schmitt, der auf Rang sieben kam. Noch nie hatte der Bauernsohn aus Unterwasser im Schweizer Kanton Sankt Gallen ein Weltcupspringen gewonnen. Nun ist er Olympiasieger. "Ich kann es immer noch nicht glauben", sagte Ammann, "das Gefühl vor dem letzten Sprung war schrecklich, ich war so nervös."

Schon 1998 in Nagano hatte Sven Hannawald mit der Mannschaft eine Silbermedaille gewonnen. Dass er diesmal um wenige Punkte Gold verfehlte, ärgerte ihn nicht so sehr. "Ich schätze die Medaille auf jeden Fall sehr", sagte Hannawald, "auch wenn es Bronze geworden wäre, wäre mir das wurscht gewesen." Er hatte Simon Ammann schon im Auslaufraum gratuliert, als das knappe Endergebnis auf der Anzeigentafel noch nicht erschienen war. Hannawald erzählt: "Der Simon ist so ein lockerer Typ, da kommt überhaupt kein Neid auf. Ich habe es ihm wirklich gegönnt."

Ammann ist neben Hannawald der Aufsteiger dieses Winters. Vor der Vierschanzentournee hatte der 20-Jährige durch Platz zwei in Engelberg und Rang drei und zwei in Predazzo erstmals auf sich aufmerksam gemacht. "Da hat er schon gezeigt, dass er gut springen kann", sagte Hannwald. Nach der Vierschanzentournee blieben jedoch die guten Ergebnisse aus, im Training in Willingen stürzte Ammann sogar und musste im Krankenhaus untersucht werden. Dass ein Schweizer eine Goldmedaille im Skispringen gewinnt, ist neu. Ski nordisch ist im Land der Berge nicht sehr verbreitet, es gibt nur wenige Schanzen und keine taugliche Sommeranlage. Um so überraschender kommt der Sieg des 1,70 Meter kleinen und nur 50 Kilogramm schweren Simon Ammann. "Mit ihm habe ich auf keinen Fall gerechnet", gibt auch Hannawald zu.

Reinhard Hess konnte der Silbermedaille nur gute Seiten abgewinnen. "Das ist ein sehr guter Auftakt", sagte der Bundestrainer, "Sven Hannawald hat das konserviert, was er schon die ganze Saison gezeigt hat." Mit Schmitt auf Rang sieben, Michael Uhrmann auf Rang acht und Christof Duffner als 17. konnte ihn auch das Mannschaftsergebnis zufriedenstellen. Lediglich Martin Schmitt blieb wieder unter seinen eigenen Erwartungen. "Ich hatte mir mehr ausgerechnet", sagte der 23-Jährige, der nicht mehr an die Leistungen der letzten Saison anknüpfen kann. Reinhard Hess spendete ihm im Zielraum Trost. "Ich habe versucht ihn mit einem Klaps aufzumuntern, er soll nicht enttäuscht sein", sagte Hess. Obwohl Schmitt nun fast in der gesamten Wintersaison nicht mehr unter den ersten drei landet, hält der Bundestrainer daran fest, dass er immer noch Siegspringer sei. "Er hatte heute Pech mit dem Timing beim Absprung, erst war er zu spät dran, dann zu früh."

Neben dem Schweizer Simon Ammann überraschten auch die Finnen Janne Ahonen (4.), Veli-Matti Lindström (5.) und Matti Hautamaeki (6.) positiv. Für das Mannschaftsspringen am 18. Februar deutet sich ein Zweikampf zwischen Deutschland und Finnland an. Die Österreicher hingegen enttäuschten im Utah Olympic Park, als bester Springer landete Stefan Horngacher lediglich auf Rang elf.

Zuvor aber steht noch am Mittwoch das Finale auf der Großschanze an. Die 120-Meter-Schanze liegt den Deutschen besser als die kleinere Version. "Jetzt kommt die Rechnerei", ahnt Hannawald. "Wenn Hannawald schon auf der Normalschanze Silber holt, dann holt er Gold auf der Großschanze - aber diese Rechnung ist falsch." Es gebe genug Konkurrenten, die genau so gut seien. Mit den beiden Weltcupspringen in Zakopane belegte Hannawald nun schon zum dritten Mal in Folge den zweiten Platz. Es scheint, als würde er sich daran gewöhnen.

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