FC Barcelona : Aus der Zeit gefallen

Messis Barça ist berechenbar geworden. Unser Autor über die substanziellen Probleme des FC Barcelona.

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Die Zwei aus Rosario. In Barcelona wird gemunkelt, Trainer Martino hätte seine Anstellung nur Messi zu verdanken.
Die Zwei aus Rosario. In Barcelona wird gemunkelt, Trainer Martino hätte seine Anstellung nur Messi zu verdanken.Foto: Imago

Ruhm ist vergänglich, und am vergänglichsten ist der Ruhm derer, die nicht glauben wollen, dass er vergangen ist. Gerardo Martino, seit vergangenem Sommer Trainer des FC Barcelona, glaubt immer noch, seine Mannschaft könne in dieser Saison das Triple aus Pokal, Meisterschaft und Champions League gewinnen. Mathematisch betrachtet ist das natürlich möglich. Barça hat in der Copa del Rey das Finale gegen Real Madrid erreicht, in der Meisterschaft sind es nur vier Punkte zu Real und in der Champions League spricht nach dem 2:0-Sieg im Achtelfinal-Hinspiel bei Manchester City wenig dagegen, dass nach dem Rückspiel am Mittwoch im Camp Nou der Einzug ins Viertelfinale stehen wird.

Aber Fußball ist nun mal nicht Mathematik, und wer den FC Barcelona in den letzten Wochen gesehen hat – am Samstag beim 0:1 in Valladolid, aber auch in der Champions League bei den neureichen Blues aus Manchester – , der urteilt wie am Wochenende der Kommentator des Fachblattes „Marca“, er goss seine Irritation in die Formulierung: „Un Barça sin ideas“.

Ein Barça ohne Ideen kann nicht mehr das Barça sein, das Pep Guardiola groß gemacht und zu einer Blüte verholfen hat, wie sie der europäische Fußball sonst nur mit dem Ajax Amsterdam der Siebziger oder dem AC Milan der Neunziger in Verbindung bringt. Vier Jahre lang verzückten Messi und Xavi und Iniesta und Busquets das Publikum auf der ganz großen Bühne. In seiner späten Phase ist der Tiki-Taka mit seinen endlosen Passstaffetten abqualifiziert worden als langweilig, ja anödend. Aber aus dieser Litanei sprach vor allem der Neid der Besitzlosen, die Furcht vor erdrückender Dominanz. Ähnliches muss sich seit Jahren die spanische Nationalelf anhören, aber hat ein großes Finale je eine so grandiose Vorstellung gesehen, wie sie die Spanier vor zwei Jahren bei der EM in Kiew gegen Italien zeigten?

Die Kunst des Nationaltrainers Vicente del Bosque besteht neben der Moderation vor allem darin, das Spiel permanent weiterzuentwickeln, ohne dabei seinen Charakter preiszugeben. Deswegen reisen die Spanier als einer der großen Favoriten zur WM nach Brasilien. Der FC Barcelona verweigert sich diesem Ansatz im Rausch seiner großartigen Vergangenheit. Deshalb taumelt er Woche für Woche weiter hinab vom Gipfel. Nach 27 von 38 Ligaspielen kommt Barça auf vier Niederlagen, so viele waren es in den zwei vorherigen Spielzeiten zusammen.

Pep Guardiola hat diese Entwicklung kommen sehen und sich auf dem Höhepunkt seines Ruhmes verabschiedet. Auch Guardiola hat sie vorangetrieben, die bedingungslose Fixierung auf die Kunst eines Einzelnen. Lionel Messi ist ein Fußballspieler, wie er nicht jeder Generation vergönnt ist. Aber er hat sich in seinen nunmehr zehn katalanischen Jahren auch zu einer alles beherrschenden und unterdrückenden Figur entwickelt. Zu einem, auf den die personelle Zusammenstellung der Mannschaft zugeschnitten werden muss, der von jedem zu preisen ist. Weltstars wie Andres Iniesta und Xavi Hernandez machen sich vor jedem Mikrofon klein und singen das Hohelied auf ihren jüngeren Kollegen.

Auf dass Messi auf ewig seine Lieblingsposition in seinem Lieblingssystem spielt, darf Barça seit Jahren keinen typischen Mittelstürmer verpflichten. Das Experiment mit Zlatan Ibrahimovic scheiterte vor ein paar Jahren nicht an den Eigenarten des eigenartigen Schweden, sondern an Messis Unwillen, ihn seinen Fähigkeiten angemessen am Spiel zu beteiligen. Messis Barça ist berechenbar geworden, und folglich stagnierte es erst und ist jetzt nicht mehr konkurrenzfähig. Jedenfalls nicht auf höchstem Niveau.

Der FC Barcelona hat sich nicht nur in eine taktisch-philosophische Abhängigkeit begeben, er richtet auch seinen wirtschaftlichen Spielraum ganz auf die Bedürfnisse seiner Diva aus. Als im vergangenen Frühling nach der 0:7-Demütigung in zwei Champions-League-Spielen gegen den FC Bayern der Bedarf an Erneuerung nicht mehr zu übersehen war, stellte das Präsidium zwar reichlich Geld zur Verfügung. Es reichte nur zu einem Panikkauf. Barça investierte gut 100 Millionen Euro in Neymar, um ihn erstens der ebenfalls interessierten Konkurrenz von Real wegzuschnappen und zweitens Lionel Messi gnädig zu stimmen. Neymar ist ein großartig veranlagter Fußballspieler, aber er hat seine Zirkustricks bislang nur in der eher körperlosen brasilianischen Liga gezeigt und ist es gewohnt, dass die gesamte Mannschaft für ihn spielt. Weil das in Barcelona nicht möglich ist, hat Messi keine Konkurrenz zu fürchten.

In Europa etablierte Offensivbegabungen wie Radamel Falcao oder Edinson Cavani wären billiger und hilfreicher gewesen. Jetzt aber ist das Geld weg und fehlt für die dringend notwendige Investition in andere Mannschaftsteile. Barcelonas Innenverteidigung etwa schreit schon lange nach Verjüngung. Wer soll einmal den Xavi Hernandez beerben? In der Nationalelf ist dafür Thiago Alcantara vorgesehen, aber den hat Barça im vergangenen Sommer an Guardiolas FC Bayern abgegeben.

Der FC Barcelona im Frühjahr 2014 ist ein Verein von Messis Gnaden. Gravierender noch als bei der Verpflichtung von Neymar fiel das bei der Besetzung des Trainerpostens auf. Gerardo Martino hat noch nie eine europäische Mannschaft trainiert. In Barcelona wollte er das Tiki-Taka abschaffen und schwenkte schon bei ersten Mini-Misserfolgen umfassend zurück. Seitdem versucht sich Barça an einem aus der Zeit gefallenen, langsamen und festgefahrenen Kurzpassspiel. Gerardo Martino ist Argentinier und kommt aus Lionel Messis Heimatstadt Rosario.

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