Sport : FC Deutschland München

Ohne die Bayern und Kapitän Michael Ballack wäre die Nationalmannschaft zurzeit nicht viel wert

Robert Ide[München]

Beim Gehen gönnte sich Edmund Stoiber einen kurzen Moment der Zufriedenheit. Eiligen Schrittes verließ der bayerische Ministerpräsident zur Mitternachtsstunde die gerade eröffnete Münchner Allianz-Arena, als er innehielt und eine rhetorische Grundsatzfrage in die Nacht warf. „Was wäre Deutschland ohne Bayern?“ Kurze Pause, kurze Antwort. „Das kann sich doch keiner vorstellen.“

Was in der Politik schwer ist, scheint im Fußball unmöglich zu sein. Deutschland kann nicht ohne die Bayern – zumindest nicht, wenn jeweils elf Vertreter von Freistaat und Bundesstaat um einen Fußball kämpfen. Das Duell am Dienstagabend gewann der vom sonstigen Nationalmannschafts-Kapitän Michael Ballack angeführte FC Bayern gegen die Nationalelf 4:2 (2:0) und zeigte damit leichten Fußes, in welcher Stadt zumindest das sportliche Zentrum der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland liegt. „Wir sind besser als das ganze Land“, sangen die Münchner Fans. Und Bayerns Fußballprediger Franz Beckenbauer spottete von der Fernsehkanzel: „Es trägt nicht zur Selbstsicherheit einer Nationalelf bei, wenn du gegen eine bayerische B-Elf verlierst.“

Trotz seines Showcharakters strahlte die Begegnung, die Jürgen Klinsmann später als „Einstiegsgeschenk für die Bayern“ abzuqualifizieren suchte, eine gewisse Unheimlichkeit aus. Mit verschränkten Armen hatte der Bundestrainer von seiner Bank aus beobachten müssen, wie die von ihm aufgestellte Mannschaft vom bayerischen Fußball-Block über den neu verlegten Powerrasen getrieben wurde. Da glänzte Michael Ballack mit seiner schon im Pokalfinale demonstrierten Mischung aus Souveränität und Aggressivität. Da feierte Sebastian Deisler eine Rückkehr der Tüchtigkeit, die mit einem Tor belohnt wurde. Torsten Frings ordnete das defensive Mittelfeld, Bastian Schweinsteiger provozierte den Torwart der Gegenseite zu Fehlern (siehe unten). Und zwischen den Pfosten faustete Oliver Kahn die wenigen Bälle, die ihn erreichten, zurück ins Feld. So verdienten sich die Bayern ihr Einstiegsgeschenk aus eigener Kraft.

Bis zur Weltmeisterschaft vergeht noch ein Jahr, doch schon jetzt hat der FC Bayern München seine Rolle im nationalen Fußball zementiert. Der Klub spielt in einem der modernsten Stadien Europas, die wichtigsten Spieler der Nationalmannschaft verdienen hier ihr Geld und wollen nun die Champions League gewinnen. Sogar Sebastian Deisler, der zuletzt oft auf der Bank sitzen musste, schwört angesichts dieser Perspektiven dem Verein die Treue. „Jeder hat gesehen, wie wichtig die Bayern für uns sind“, lobte Stuttgarts Nationalstürmer Kevin Kuranyi. Und Schweinsteiger versprach, beim anstehenden Konföderationen-Pokal den Siegeswillen der Bayern „auf die Nationalmannschaft zu übertragen“.

Wie wichtig das ist, zeigten die Versuche des Bremers Tim Borowski, dem geschwächten Nationalteam eine Ordnung zu geben. Auch wenn er seinen Mitspielern mit genauen Pässen aussichtsreiche Wege aufzeigte, konnte er doch zu keinem Zeitpunkt Ballacks Präsenz entwickeln. Der suchte eine Minute nach der 3:1-Führung für die Bayern die Entscheidung und drosch den Ball an den Pfosten. Es war auch Ballack, der nach einem Foul des Debütanten Mike Hanke an Bayerns Verteidiger Willi Sagnol zu Hanke ging und ihn ausschimpfte. Außer Ballack gibt es derzeit keinen deutschen Spieler, der mühelos eine solche Doppelrolle beherrscht: als Bayern-Spielmacher und als Kapitän der Nationalmannschaft. „Jürgen Klinsmann kann nur beten, dass sich Michael Ballack bis zur WM nicht verletzt“, mahnte deshalb der einstige Teamchef Rudi Völler vor einigen Tagen.

Ein letzter Rückblick, der ein Ausblick sein kann: Im Spiel leistete sich Michael Ballack einen kurzen Moment der Zufriedenheit. Inmitten von 90 Minuten Kraft und Souveränität beteiligte er sich an der Verschönerung des Spiels – nur um Zentimeter scheiterte ein Doppelpass mit Deisler vor dem Tor der Nationalmannschaft. Es hätte die zentrale Szene des Spiels werden können. Doch um zu begreifen, wie wichtig die Bayern für den deutschen Fußball sind, brauchte es sie nicht.

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