Sport : FC Schalke 04: Die Angst vor der Blamage

Felix Meininghaus

Das Tabu war gebrochen. Nach dem Sieg über Hertha BSC hatten einige Schalker Spieler die Zurückhaltung aufgegeben und erstmals von ihren Chancen auf die Meisterschaft geplaudert. Nur Manager Rudi Assauer weigerte sich weiter. Und sein Alter Ego Huub Stevens sagte sogar, er werde auch dann nicht vom Titel reden, wenn das Spiel beim Tabellenletzten VfL Bochum gewonnen werde. In die Verlegenheit ist der holländische Trainer des FC Schalke 04 nicht gekommen, denn der Tabellenführer kam im kleinen Revierderby beim Tabellenletzten VfL Bochum über ein 1:1 nicht hinaus.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Im mit 32 500 Zuschauern ausverkauften Bochumer Ruhrstadion waren die Schalker Fans dermaßen in der Überzahl, dass VfL-Trainer-Rentner Rolf Schafstall seinen Spielern sagte, "erschreckt nicht, wenn ihr da raus geht, und denkt einfach, das sind Bochumer, schließlich haben die auch alle blau-weiße Klamotten an". Mag sein, dass Fußballprofis so leichtgläubig sind, auf alle Fälle funktionierte der Kniff. Der VfL erkämpfte sich das Unentschieden nach der Führung durch Paul Freier und dem Ausgleich von Emile Mpenza redlich.

"So ein Spiel kann man auch verlieren", grantelte Assauer nach dem Schlusspfiff. Aber auch gewinnen, schließlich gab es eine Vielzahl von Chancen für die Schalker, und zudem verweigerte Schiedsrichter Alfons Berg den Gästen kurz vor Schluss einen klaren Elfmeter, als Gerald Asamoah im Strafraum umgerissen wurde. Was nichts daran änderte, dass die Schalker merkwürdig gehemmt wirkten. Während der Mannschaft gegen Bayern und Hertha die Aussicht, Großes leisten zu können, Flügel verlieh, lähmte gegen die Bochumer die Angst vor der Blamage die Beine. Als sich Mitte der zweiten Hälfte immer mehr Ratlosigkeit breit machte, schwang sich ausgerechnet Tomasz Hajto zu einem technischen Kabinettstückchen auf. Der polnische Nationalspieler, in der Bundesliga vor allem als rustikaler Manndecker und Kartenkönig bekannt, bereitete den Ausgleich mit brasilianischer Raffinesse vor.

Viel mehr Schönes hatten die Schalker nicht zu bieten. Als Beispiel für die wenig selbstbewusste Darbietung mag der Auftritt von Jörg Böhme dienen. Der Mann, den Rudi Assauer liebevoll "unseren Verrückten" nennt, traute sich in dieser Saison oft unmögliche Dinge zu und hatte damit erstaunlichen Erfolg. In Bochum wagte er sich dagegen nur zaghaft an das Standardrepertoire, und selbst das ging ihm häufig daneben.

Am Ende reichte Schalke der eine Punkt so gerade, um die Tabellenführung zu verteidigen. Doch vor den letzten drei Saisonbegegnungen spüren sie die Präsenz der Bayern noch stärker. Nach dem Spiel in Bochum erscheint eine Frage akuter denn je: Ist dieses Team, das sich vor allem mit Begeisterung an die Spitze spielte, cool und abgezockt genug für den großen Coup? Zumindest bei Huub Stevens hinterlässt die Anspannung Spuren: Schon im Laufe der Woche hatte er sich lauter als nötig darüber aufgeregt, dass Schalkes ausländische Nationalspieler bei Freundschafts-Länderspielen eingesetzt wurden, anstatt sie für die Bundesliga zu schonen. Nach der Partie in Bochum schimpfte der Holländer auf die Schiedsrichter, "die uns nicht das erste mal benachteiligt haben", und legte sich nach einer harmlosen Frage mit einem Journalisten an.

Der Endspurt um die Schale macht offensichtlich dünnhäutig. Derweil bemühen sich die Spieler immerhin nach Kräften, möglichst sensibel mit dem verbotenen Thema umzugehen. Manndecker Tomasz Waldoch bevorzugt dabei eine Art Salamitaktik: "Den Uefa-Cup haben wir sicher, jetzt ist das Ziel Champions League, und dann schauen wir mal nach der Meisterschaft."

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