Sport : FC St. Pauli: Nicht reden, aufsteigen!

Stefan Hermanns

Um politische Korrektheit haben sich die Leute beim FC St. Pauli noch nie sonderlich geschert. Doch was Dietmar Demuth, der Trainer des Fußball-Zweitligisten, am Wochenende dem "Hamburger Abendblatt" gesagt hat, hätte früher selbst robuste Seelen maßlos erschüttert. Ob er außer St. Pauli noch einen Lieblingsverein habe, wurde Demuth gefragt. "Ich habe Respekt vor der Arbeit beim FC Bayern", antwortete St. Paulis Trainer. Fehlte nur noch, dass er seine heimliche Liebe zum Hamburger SV gestanden hätte.

"Jeder kann hier sagen, was er möchte", sagt Manager Stephan Beutel. Dietmar Demuth sowieso. Der 46-Jährige rückt immer mehr in die Rolle des neuen Stadtteilheiligen. Für Vereinspräsident Reenald Koch stünde der Trainer nicht mal zur Debatte, "wenn wir 25 Spiele hintereinander verlieren sollten".

Dabei taugt dieser Dietmar Demuth in der modernen Mediengesellschaft nur bedingt für die Rolle des Jedermanns Liebling. Er gibt sich gerne spröde oder ist es und redet nicht mehr als notwendig. Als Demuth vor einem Jahr bei St. Pauli vom Kotrainer zum Chef aufrückte, äußerte Heinz Weisener, der damalige Vereinspräsident, Demuth sei "nicht mal eine Notlösung". Stephan Beutel findet, dass Weisener mit dieser Aussage "im Ergebnis völlig danebenlag". Demuth schaffte es im Frühjahr in buchstäblich letzter Minute, den Abstieg zu verhindern. In dieser Saison hat er realistische Chancen, mit dem FC St. Pauli in die Bundesliga aufzusteigen.

An der guten Ausgangsposition hat auch das 0:2 gegen Borussia Mönchengladbach generell nichts geändert. St. Pauli liegt als Dritter immer noch auf einem Aufstiegsplatz. Doch wie sich die erste Niederlage am Millerntor auf die Psyche der Spieler auswirken wird, weiß niemand vorherzusagen. Bisher galt St. Pauli zu Hause als unverwundbar. "Niemand siegt am Millerntor", sangen die Fans. Bis zum Montag.

Dass St. Pauli nach einer fulminanten Saison in der entscheidenden Phase Angst vor der eigenen Courage bekommen könnte, glaubt Demuth nicht. Stephan Beutel sagt, im Fußball bekomme man nicht viele Chancen, "die muss man immer nutzen". Der Manager hat sein Büro in einem Container neben dem Stadion. Wer bei ihm auf dem Besucherstuhl sitzt, entdeckt im Regal über dem Schreibtisch ein Buch von Erich Lejeune: "Du schaffst, was du willst", heißt der Titel. Manchmal fragt man sich, ob solche Bücher nur deshalb im Regal stehen, damit Journalisten schreiben, dass diese Werke jemand im Regal stehen hat. Beutel sagt, es sei "unterschwellig deutlich zu erkennen, dass die Mannschaft unbedingt aufsteigen will".

Seit dem 20. Oktober 2000 ist er geschäftsführendes Vorstandsmitglied beim FC St. Pauli. An jenem Tag endete nach zehn Jahren die Ära des Heinz Weisener. 20 Millionen Mark soll der Patriarch aus seinem Privatvermögen in den Verein investiert haben; die Fans mochten ihn am Ende trotzdem nicht mehr. Als Weisener zum letzten Mal als Präsident im Stadion war, konnte er auf einem Transparent lesen, was das Volk von ihm hielt: "Wir sind St. Pauli, und du bist senil." Im Grunde passte der Architekt aus dem vornehmen Harvestehude nicht zu diesem Klub, auf dessen Eintrittskarten "Scheiß Millionäre" steht.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass der sportliche Aufschwung zeitlich mit dem Rückzug Weiseners zusammenfällt. Weisener hatte sich als Gegenleistung für sein finanzielles Engagement die Marketingrechte des Vereins unter den Nagel gerissen. Die hat ihm der FC St. Pauli im Oktober wieder abgekauft - für 5,5 Millionen Mark und eine Generalquittung. Der Verein verzichtete damit auf mögliche weitere Forderungen. Dafür kann St. Pauli nun ungehemmt sein Image pflegen, der etwas andere Fußballklub zu sein, der den Totenkopf zum Vereinsemblem erkoren hat und bei dem die Anzeigetafel ("aus Recyclingmaterial zusammengeschweißt") noch per Hand bedient wird.

Lediglich in die Planung des neuen Stadions für 35 000 Zuschauer ist Heinz Weisener noch eingespannt. Schon 1981 hat der Architekt zum ersten Mal eine neue Arena versprochen. Sie steht bis heute nicht. Im Sommer, spätestens im Winter, soll der Neubau am alten Platz beginnen. 75 Millionen Mark kostet das Projekt. Die Finanzierung wird möglich, weil die Stadt Hamburg dem Verein das Stadiongelände zum symbolischen Preis von einer Mark verkaufen will. Wenn es gut läuft, muss der FC St. Pauli die neue Saison in einem Ausweichquartier beginnen. Wenn alles gut läuft, trägt die Mannschaft ihr erstes Spiel nach dem Bundesliga-Aufstieg im Volksparkstadion des Lokalrivalen Hamburger SV aus.

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