Sport : Fechten: Multikulti-Offensive auf der Planche

Jörg Allmeroth

Am Ende des langen Tages im Sydney Convention Centre durchlitt Rita König eine nicht ganz schmerzfreie Achterbahnfahrt der Emotionen. Immer rauf und runter. Und runter und rauf. "Erst habe ich geweint, dann habe ich mich gefreut und dann wieder geweint", sagte die deutsche Silbermedaillengewinnerin im Florettfechten. Der Siegeszug der 23-jährigen Tauberbischofsheimerin, erst im Finale mit einem 5:15 durch die Weltmeisterin Valentina Vezzali aus Italien gestoppt, war der erste, aber nicht der einzige Höhepunkt eines deutschen Erfolgstages in Sydney.

Nach der gebürtigen Rumänin König vollführte der gebürtige Thailänder Wiradech Kothny im kleinen Säbel-Endkampf einen Parforceritt, schlug den Ungarn Domonkos Terjancsik 15:11 und holte Bronze. Kaum war der letzte Stich gesetzt, da hatte Kothny seinen Säbel mit furchterregendem Überschwang auf der Plattform geschwenkt. "Es sah wahrscheinlich aus, als ob Dschingis Khan aufmarschiert wäre", sagte Kothny.

Die deutsche Multikulti-Offensive auf der Planche versetzte Teamchef Matthias Behr in Euphorie: "Das war ein Wechsel auf die Zukunft. Beide werden uns noch viel Freude machen." Der Generationswechsel bei den Florettfechterinnen hatte sich schon frühzeitig abgezeichnet, als Rita König im innerdeutschen Achtelfinale die 31-jährige Altmeisterin Sabine Bau mit 15:11 überrumpelt hatte. Trainer Lajos Samodi hatte zwar geglaubt, dass sich die "Professionalität und Abgeklärtheit von Sabine Bau" durchsetzen würden, aber es war die jugendliche Unbeschwertheit der Herausfordererin, die triumphierte. "Vielleicht war es eine Staffelübergabe von Alt zu Jung", meinte der Trainer, der als Betreuer beider Fechterinnen während des Gefechtes die Halle verließ und deshalb auch nicht wusste, "wer warum gewonnen hat".

Erst im Finale rückte Samodi wieder heran, doch die Hoffnung, auf großer Bühne einen großen Erfolg zu feiern, hatte eine schnelle Verfallszeit. Gegen die Welt- und Europameisterin Vezzali setzte Rita König vergeblich auf volles Risiko. "Wir wollten Vezzali ein bisschen Angst machen", erklärte Samodi. Doch in Wirklichkeit sah es so aus, dass die Favoritin mit kühlen Konterattacken die blind angreifende Deutsche ausmanövrierte, die sich zum Schluss einer strapaziösen Konkurrenz auch "zu müde" fühlte für einen letzten Kraftakt.

"Die Beine waren schwer, sehr schwer", sagte die Tauberbischofsheimerin, die immerhin die selbst gestellte Verpflichtung nach dem Erfolg gegen Teamkollegin Sabine Bau einlöste: "Ich habe schon gefühlt, dass ich unserer ganzen Truppe etwas schuldig war." Was beim olympischen Gipfelsturm noch nicht war, wird nach Meinung von Trainer Samodi aber noch kommen: "Rita hat alle Anlagen, eine große Fechterin zu werden, eine Nachfolgerin von Anja Fichtel und Sabine Bau", sagte der Ungar, "sie ist eine sehr gute Wettkämpferin und hat auch den gesunden Ehrgeiz für den Sprung nach ganz oben."

Das gilt nicht minder auch für den 21-jährigen Wiradech Kothny, der sich schon vor den Olympischen Sommerspielen daheim mit einer PR-Kampagne und einer Medientour mit Zwischenstation etwa im "Aktuellen Sport-Studio" bekannt gemacht hatte. Kothny, der im Alter von drei Jahren von seinem Koblenzer Stiefvater Eric in Thailand adoptiert worden war, brachte den Deutschen Fechter-Bund nach 100 Jahren Olympiageschichte im Säbelfechten zum ersten Mal in die Medaillenränge - in einer Disziplin, deren interne Wertigkeit der frühere Abonnementsmeister Jürgen Nolte einmal so beschrieben hatte: "Wir sind der Löwenzahn auf dem englischen Rasen des deutschen Fechtens."

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