Sport : Feind oder nicht Feind, das ist keine Frage

In England dreht sich die Stimmung gegen José Mourinho, den umstrittenen und extrovertierten Trainer des FC Chelsea

Raphael Honigstein[London]

Am Dienstag war alles so wie immer, zumindest auf dem Platz. Der FC Chelsea gewann sein Nachholspiel in der Premier League gegen West Bromwich Albion 1:0 und kann bei einem Vorsprung von elf Punkten bald den blauen Doppeldeckerbus für die Meisterschaftsfeier chartern. José Mourinho, sonst nie um ein Wort verlegen, verschwand danach jedoch grußlos in die Londoner Frühlingsnacht.

Vielleicht war der ungewohnte Kommunikations-Verzicht des portugiesischen Trainers so etwas wie ein leises Eingeständnis, dass er in letzter Zeit doch etwas zu viel und vor allem sehr unbedacht geredet hat. Noch am Montag hatte Mourinho dem europäischen Schiedsrichterobmann Volker Roth mit einer Klage gedroht, weil der ihn nach dem Rücktritt von Schiedsrichter Anders Frisk einen „Feind des Fußballs“ genannt hatte. „Entweder er entschuldigt sich, oder wir sehen uns vor Gericht“, hatte Mourinho gepoltert. Konkret passieren wird wenig. Roth denkt erstens nicht daran, die Aussage zurückzunehmen, und zweitens verspricht selbst das relativ Kläger-freundliche Verleumdungsrecht in England Mourinho nicht die geringsten Erfolgsaussichten – „Feind des Fußballs“ ist ja keine faktische Behauptung, sondern eine Meinungsäußerung und damit legitim.

Chelsea hat sich bis jetzt konsequent hinter den Erfolgstrainer gestellt. Und doch herrscht die Sorge, dass das Ansehen des Klubs leidet. Geschäftsführer Peter Kenyon verhandelt gerade mit der G14, der Vereinigung der europäischen Topklubs, über eine Aufnahme und kann negative Publicity schlecht gebrauchen. Auch in England ist Mourinhos Verhalten unangenehm aufgefallen. Verbandssprecher William Gaillard hat nach Mourinhos Andeutungen über eine angebliche Absprache zwischen Frisk und Barcelonas Trainer Frank Rijkaard vor drei Wochen und der öffentlichen Forderung des Portugiesen nach Pierluigi Collina für das Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale bereits eine Akte angelegt, in die auch der Streit mit Roth aufgenommen wird.

Chelseas Titelambitionen in Liga und Europa haben die verbalen Ausfälle des von sich sehr eingenommenen Trainers bisher keinen Abbruch getan. In den ersten Monaten seiner Amtszeit lauschten die Journalisten mit großen Augen den vollmundigen Ankündigungen des Neuankömmlings. Mourinhos Auseinandersetzungen mit Manchester Uniteds Trainer Alex Ferguson, den er ebenfalls der ungebührlichen Beeinflussung eines Schiedsrichters bezichtigte, und kleinere Beschwerden über einen angeblich Chelsea benachteiligenden Terminplan sowie die überharte Spielweise von Gegnern wurden als Versuch gesehen, den Druck von der Mannschaft zu nehmen und sich selber zur Zielscheibe von Häme und Eifersüchteleien zu machen. „Mourinho betreibt das aufwändigste Ablenkungsmanöver seit der alliierten Landung in der Normandie“, schrieb der „Guardian“ nicht ohne Bewunderung.

Gerade weil man dem smarten Portugiesen weiter macchiavellistisches Kalkül unterstellt und nicht davon ausgeht, dass er seine zunehmend paranoiden Anschuldigungen selber glaubt, hat sich nach dem Rücktritt von Frisk die Stimmung gedreht. „Mourinho scheint nur eine Sache zu respektieren: das Geld von Klubchef Abramowitsch“, schimpfte der „Guardian“ gestern.

Vielleicht bringt ja Ostern dem sich derzeit auf 1001 Nebenschauplätzen aufreibenden Portugiesen Läuterung und die seelische Contenance zurück. Mourinho wird auf Einladung des Shimon-Peres-Instituts für Frieden in diplomatischer Mission nach Israel fahren und dort arabisch-jüdische Jugendmannschaften trainieren: „Das wird mein bescheidener Beitrag sein, Verständnis und Freundschaft zwischen zwei Völkern zu bestärken, die sich beide wie auch ich eine friedliche Zukunft wünschen.“ So salbungsvoll hat José Mourinho lange nicht gesprochen.

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