Felix Sturm vermarktet sich selbst : Hochseilakt im Seilgeviert

Weltmeister Felix Sturm boxt wieder – ab heute aber in Eigenregie

Bertram Job
Öffentliches Training. Felix Sturm präsentiert sich vor dem Kampf bei einer lockeren Einheit. Ihm gegenüber sein neuer Trainer Fritz Sdunek. Foto: dpa
Öffentliches Training. Felix Sturm präsentiert sich vor dem Kampf bei einer lockeren Einheit. Ihm gegenüber sein neuer Trainer...Foto: dpa

Am Montagvormittag stolzierte der Berufsboxer Giovanni Lorenzo im Trikot des Fußballklubs Borussia Mönchengladbach durch die Lobby eines Grand Hotels am rechten Bonner Rheinufer. Das leger fallende Shirt mochten Augenzeugen nur für einen kleinen Spleen eines fußballbegeisterten Fremden halten. Für ihn selbst steckte darin eine wichtige Ankündigung, wie seine Entourage gleich darauf den im Atrium versammelten Journalisten darlegte: So wie der niederrheinische Bundesligist tags zuvor die favorisierte Heimelf von Bayer Leverkusen zerlegt hatte, will der 29-Jährige aus der Dominikanischen Republik heute den Leverkusener Mittelgewichts-Weltmeister Felix Sturm demontieren. Und zwar durch K. o. in Runde sechs, wie er per Anzeige in einer englischen Boxzeitschrift bekannt gab.

Vor ein, zwei Jahren hätte der Titelverteidiger (33 Siege, 1 Remis, 2 Niederlagen) auf solche Manöver vielleicht heftiger reagiert. In diesem Fall aber beließ es Felix Sturm bei der Feststellung, man werde „schon sehen, wer wen k. o. schlägt“. Vor dem 14. Titelkampf konnte dem Stilisten kaum etwas Besseres geschehen. Denn mit der im vorigen Spätherbst eingeleiteten Ablösung vom Hamburger Boxstall Universum ist der selbstbewusste Einzelkämpfer zum Promoter von eigenen Gnaden avanciert. Sein Unternehmen „Sturm Box-Promotion“ veranstaltet nun in Eigenregie die Boxgala in Köln, die Sat 1 (live ab 22.15 Uhr) überträgt.

Die ganze Branche wird genau hinsehen, wie sich Sturm nach langer Inaktivität im Ring präsentiert – und wie seine diversen PR- und Marketingpartner den kostspieligen Abend inszenieren. Für die Wertigkeit der Veranstaltung ist ein von sich selbst überzeugter Gegner nur gut – zumal Lorenzo im Grunde die vierte oder fünfte, unter Zeitdruck verabredete Lösung ist. Nur die Allerbesten im Limit bis 72,6 Kilo sind das erklärte Ziel des ehrgeizigen WBA-Champions. Zuletzt aber bekamen er und Manager Roland Bebak eine Ahnung, wie schwer das in der Praxis einzulösen ist: In Antonio Margarito und Kermit Cintron sagten ihnen zwei Stars des US-Markts ab.

Noch aber überwiegt die Freude, ab sofort in die eigene Tasche boxen zu können. „Ich kann meine Zukunft jetzt selbst bestimmen“, freut sich Sturm, „selbst wenn ich auf dem Bauch lande, ist das meine Angelegenheit.“ Die außergerichtliche Einigung mit Universum soll eine knappe Million Euro gekostet haben. Gemessen an den Summen, die er ab sofort mit der Vermarktungsagentur Ufa Sports einnehmen kann, nicht mal zu viel. Dennoch ist das Ganze ein Hochseilakt: Nur wenn Sturm sich immer wieder als WBA-Weltmeister bestätigt, sind die avisierten Fernseh-Reichweiten realistisch. Nur dann kann der smarte Felix eines Tages eventuell die Lücke zu den populären Klitschko-Brüdern annähernd schließen.

Wie gut also, dass nun auch Fritz Sdunek im Boot ist. Die 63-jährige Trainerlegende war wie Sturm noch bei Universum, als er vor 14 Monaten seinen Schützling Khoren Gevor auf das Stallduell mit Sturm einstellte. So gut, dass der Titelverteidiger beinahe entthront worden wäre. Seitdem hatte sich der einstige Meistertrainer von Dariusz Michalczewski auf die freiberufliche Zusammenarbeit mit Lieblingsschüler Witali Klitschko kapriziert, „aber das allein reicht mir nicht.“ Darum zögerte Sdunek nicht lange, als sich Sturm mit dem berühmten US-Coach Freddie Roach schon im Vorfeld überwarf und ihn anrief.

In vielen Stunden im umgebauten Gym in der Kölner Südstadt hat Sdunek Sturm neue Kniffe verpasst. Insgesamt könne Sturms Stil „noch variabler“ werden, findet Sdunek, sowie auch ökonomischer. „Ich soll nur schlagen, wenn ich sicher bin, dass ich auch treffe“, hat der Champion verstanden und sich entschlossen in die neuen Inhalte gekniet. Giovanni Lorenzo sollte es heute Abend zu spüren bekommen – zwei Mal hintereinander geschieht auch im Rheinischen keine Sensation.

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