Sport : Feuerrot und angriffslustig

Christian Süß steht für die Erfolge der neuen deutschen Tischtennis-Generation

Friedhard Teuffel

Cottbus. Man muss Christian Süß gar nicht nach Boris Becker fragen. Denn es dauert nur drei Sätze, und der 18 Jahre alte Tischtennisspieler kommt selber auf ihn. Der erste Satz lautet: „Die Medien kommen seit dem WM-Finale oft auf mich zu.“ Der zweite: „Viele verbinden den Aufschwung im deutschen Tischtennis mit mir.“ Und schließlich der dritte: „Dann gibt es da noch den Vergleich mit Boris Becker.“ Christian Süß hat feuerrote Haare und einen kräftigen, athletischen Körperbau – wie Boris Becker. Er spielt dynamisch, und immer wieder verblüfft er seine Gegner mit einem überraschenden Schlag – wie Boris Becker. Der Vergleich stört ihn nicht, und vielleicht ist er sowieso nur eine Einstiegshilfe in die große Welt des Sports. Wenn Süß erst einmal weitere Erfolge erzielt hat, dann wird der Vergleich sicher seltener gebraucht, um ihn vorzustellen.

Es ist auch nicht die Ähnlichkeit mit dem deutschen Tennisidol, die Christian Süß im Tischtennis so populär gemacht hat. Geschätzt wird vor allem seine offensive und unterhaltsame Spielweise. Der deutsche Chefbundestrainer Dirk Schimmelpfennig sagt: „Er entwickelt im Laufe des Spiels eigene Ideen. Das ist für mich Kreativität.“ Auch bei den deutschen Meisterschaften, die an diesem Wochenende in Cottbus stattfinden, zieht Süß viel Aufmerksamkeit auf sich. Sie sind für ihn ein weiteres wichtiges Ereignis in diesen erlebnisreichen Wochen, auch wenn er im Einzel schon im Achtelfinale gegen seinen Nationalmannschaftskollegen Bastian Steger ausschied. Es war das Finale der Mannschaftsweltmeisterschaft in Katar, das Süß noch weiter nach oben katapultiert hat. Die Bundestrainer entschieden sich auf einmal dafür, nicht den erfahrenen Jörg Roßkopf gegen China spielen zu lassen, der schon bei den Olympischen Spielen 1996 die Bronzemedaille gewonnen hat und schon Europameister geworden ist. Sie schickten lieber den unerfahrenen Christian Süß ins Rennen. Denn die Chinesen sind dafür bekannt, ihre Gegner mit wissenschaftlicher Präzision zu analysieren. Roßkopf ist ihnen bestens bekannt, Süß dagegen nicht. Diesen Vorteil hat Süß gleich ausgenutzt. Der Bundesligaspieler von Borussia Düsseldorf hat zwar sein Einzel gegen den Weltranglistenersten Ma Lin nicht gewinnen können. Aber er knöpfte ihm einen Satz ab und spielte so respektlos, dass Ma Lin ans Äußerste seiner Leistungsfähigkeit gehen musste. „Ich habe einfach ohne Respekt gespielt“, sagt Süß. Seit diesem Endspiel ist viel passiert, Süß durfte sich ins Goldene Buch seiner Heimatstadt Ahlen in Westfalen eintragen. Und er hat oft die Geschichten erzählt, wie ihm sein Großvater ein Podest gebaut hat, damit er als Vierjähriger über die Tischtennisplatte schauen konnte. Oder dass seine Mutter ihm sagte, er müsse sich seinen nächsten Schläger vom Taschengeld kaufen, nachdem er ihn als Zehnjähriger vor lauter Zorn zum wiederholten Mal zerbrochen hatte.

Süß ist schließlich ein bisschen ungestümer als Timo Boll, die Nummer eins, und gerade deshalb ist das Interesse an ihm auch so groß. Noch besitzt Süß nicht Bolls Leistungsniveau. In der Weltrangliste steht er auf Platz 86, Boll war sogar schon die Nummer eins. Aber immerhin hat Boll nun Verstärkung bekommen im Bemühen, das deutsche Tischtennis erfolgreich zu vertreten. Dass Süß einen so begabten Spieler wie Boll vor der Nase hat, empfindet er als Entlastung, nicht als Belastung. „Wir haben nun eine starke Mannschaft, die für das nächste Jahrzehnt Spitze sein kann. Davon profitieren alle“, sagt Süß. Diese junge Generation ist schon als Boll-Group bezeichnet worden, weil Timo Boll sie alle mitzieht. Aber es könnte sein, dass das deutsche Herrentischtennis bald zwei Spieler in der ersten Reihe hat.

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