Finale der Copa America : Wer ist schuld an Messis Scheitern?

Lionel Messis Leistungen sind, wie Gläubige wissen, überirdisch. Nach dem verschossenen Elfmeter bei der Copa America kann deshalb eigentlich nur verantwortlich sein: der Erzfeind Cristiano Ronaldo.

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Die Nummer eins? Nach seinem galanten Fehlschuss beim Elfmeter wohl nicht mehr. Lionel Messi weiß was er zu fürchten hat.
Die Nummer eins? Nach seinem galanten Fehlschuss beim Elfmeter wohl nicht mehr. Lionel Messi weiß was er zu fürchten hat.Foto: AFP

Es war, rein optisch, ein misslungener Elfmeter. Zu hoch, zu hart, weit drüber. Im Football hätte der Schuss als Fieldgoal gegolten, doch das hier war das Finale der Copa America, Argentinien gegen Chile, es trat kein mediokrer Kicker der Paderborn Dolphins an, sondern ER, Lionel Messi, fünffacher Weltfußballer und, zumindest aus argentinischer Sicht, der Sohn Gottes. Sein Fehlschuss trug letztendlich zur Niederlage seiner Mannschaft bei, der dritten hintereinander in einem Endspiel.

Titanischer Kampf um Titel und Rekorde

Nun ist an Messi, wie Gläubige wissen, nichts profan, seine Leistungen sind überirdisch, seine Fehlleistungen demzufolge immer gleich unterirdisch. Wenn ER scheitert, dann nicht wie ein Mensch, dem der Toast auf die Marmeladenseite fällt. Man muss umgehend im Himmel und auch in der Hölle nach Erklärungen dafür suchen: Was hat ER sich dabei gedacht? Vielmehr: an wen?

Da Messi eh nur an einen denkt und dieser ausschließlich an ihn, was in wechselseitiger Besessenheit geschieht und sich zu einem titanischen Kampf um Titel und Rekorde ausgewachsen hat, die der Fußball noch nicht gesehen hat und nie wieder sehen wird, kann die Antwort darauf nur lauten: an Cristiano Ronaldo. Seinen geliebten Feind.

Wandel zum mannschaftsdienlichen Fußballspieler

Dieser schickt sich bei der EM an, gerade das abzustreifen, was ihn gegenüber dem asketischen, fast mönchischen Messi immer ein bisschen weniger als Jahrhundert-Athleten erscheinen ließ: seine augenbrauengezupfte Selbstverliebtheit. Mit einem Mal zeigt er sich in Portugals Elf als kernige Anführertype, spielt nicht mehr nur für sich, sondern jetzt auch für sein Land, obwohl es natürlich immer noch um einiges kleiner ist als sein Ego. Im schwachen Zweig des Turnierbaums könnte er mit seiner neuentdeckten Mannschaftsdienlichkeit, die wiederum nur seinem Egoismus dient, klar, aber auf schlauere Weise als zuvor, bis ins Finale vordringen und dort, wie schon im Endspiel der Champions League, den letzten Elfmeter für sich in Anspruch nehmen. Verwandelt er ihn erneut, ist ihm der Titel des Weltfußballers nicht mehr zu nehmen.

Messi und sein Überschuss an Motivation

Alles Spekulation, versteht sich. Vielleicht jubelt am Ende Boateng, vielleicht Hazard oder noch mal Iniesta. Lionel Messi aber hat sehr wahrscheinlich, als im MetLife Stadium von East Rutherford das Tor immer kleiner wurde, der Tunnel immer enger und das Bein immer härter, nicht an jene gedacht, sondern nur an den einen, CR7, seinen Antipoden, hat ihn womöglich sogar im Tor stehen sehen mit aufreizender John-Wayne-Geste, wollte ihn in den Staub legen im Duell Mann gegen Mann, über den Atlantik hinweg. Er schoss zu hoch, zu hart, weit drüber.

Alt sah er aus, bärtig, müde, als er von dannen schlich, und zugleich doch wie ein Knirps, bevor die Tränen kommen. „Die Zeit bei der Nationalmannschaft ist für mich vorbei", sagte er hinterher. Ein Rücktritt mit 29 Jahren? Wenn sie bockig sind, sagen auch Zweijährige, sie wollen jetzt nicht mehr mitspielen. Lang hält das nicht vor. 2018 ist WM, wer wüsste das besser als ER.

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