FLANKE aus England : Am Ball verkantet

Markus Hesselmann über eine komische Einlage und einen schrägen Vorschlag

Markus Hesselmann

Einer hat zumindest Entertainment geboten. Am Morgen danach ließ die BBC die Bilder von Jens Lehmanns Einlage immer wieder laufen. „Ich liebe diese Szene“, rief der Moderator im Frühstücksfernsehen. „Schauen Sie sich das an.“ In der ersten Minute des Spiels des FC Arsenal gegen den FC Fulham hatte sich nach einem Rückpass der Fuß des deutschen Nationaltorwarts am Ball verkantet. Dem Abpraller konnte Fulhams Stürmer David Healy kaum ausweichen – 1:0 für den Außenseiter. Youtube-Fans freuen sich schon auf den Clip. Erst in den letzten Minuten drehte Arsenal das Spiel. Einem anderen früheren Bundesligaspieler, Alexander Hleb, gelang schließlich das 2:1 für den Favoriten.

Die Bundesliga trägt gut bei zum internationalen Ensemble der englischen Premier League. Claudio Pizarro (FC Chelsea) und Roque Santa Cruz (Blackburn Rovers) trafen nach ihrem Wechsel vom FC Bayern gleich bei ihren ersten Einsätzen. Ein weiterer früher Münchner, Owen Hargreaves von Manchester United, musste dagegen genauso wie der frühere Herthaner Kevin-Prince Boateng (Tottenham Hotspur) noch zuschauen.

„Englands Reichtum lockt Deutschlands Beste“, schreibt der „Guardian“. Nach Ballack, Berbatow, Boulahrouz, Mpenza und Rosicky 2006 kamen jetzt Boateng, Hargreaves, Pienaar, Pizarro, Santa Cruz und Woronin. Wie Frankreichs und Portugals Ligen biete die Bundesliga gute Spieler zum niedrigen Preis. Die deutschen Klubs verdienten zu wenig an Fernsehrechten, um Spieler halten zu können. Bayerns Führungskräfte Karl- Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß dürften die Argumentationshilfe des „Guardian“ gern lesen. Schließlich fordern sie seit Jahren mehr Geld vom Fernsehen.

Die Premier League profitiert von Importen, doch plötzlich hört man hier andere Stimmen. Um potenzielle Nationalspieler zu fördern, griff das Sportministerium jetzt die anderswo schon diskutierte Forderung nach einer Schutzquote auf, einem Anteil einheimischer Spieler im Kader jedes Klubs. Angeblich ist eine solche positive Diskriminierung kein Verstoß gegen das EU-Recht auf Freizügigkeit. In die Zeit passt sie jedenfalls nicht. Schon gar nicht in England. Die Premier League ist längst keine nationale Liga mehr, sondern eine Weltliga mit Fans in allen Ländern. Darin liegen ihr Reiz und ihre Existenzgrundlage als globales Spektakel. Und nun schaltet das Mutterland des freien Wettbewerbs auf Protektionismus um? Darüber sollten die englischen Sportpolitiker noch einmal nachdenken, zumal das Problem des schwachen Nationalteams ja nicht in einem Mangel an Stars liegt, sondern im Fehlen eines durchdachten Konzepts und eines innovativen Trainers. Und jetzt kommt auch noch Deutschland zum Testspiel in Wembley. England hofft auf Lehmann im Tor.

An dieser Stelle schreiben unsere Korrespondenten ab sofort dienstags über Fußball in England, Spanien und Italien.

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