FLANKE aus England : Zehn Bertis auf einen Otto

Markus Hesselmann über die Debatte um einen neuen Nationaltrainer

Markus Hesselmann

Die Meinung des Franzosen Arsene Wenger ist in England gefragt. Gerade wollte Arsenals Trainer in der Pressekonferenz nach dem Sieg gegen Wigan seine Sicht zu Englands Trainersuche beisteuern. Da klingelte eines der mobilen Telefon- und Aufnahmegeräte, die die Reporter vor ihm auf den Tisch gelegt hatten, um seine klugen Worte aufzuzeichnen. „Da ist der Verbandschef dran“, sagte ein Journalist, und alle lachten. Wenger wäre durchaus selbst ein guter Kandidat für den Posten. Er kennt den englischen Fußball wie kaum ein anderer, hat Erfolg, Intelligenz, Durchsetzungsvermögen, internationales Ansehen – also alles, was der neue Trainer braucht. Doch der Job kommt für den Franzosen nicht infrage. „Der Klubfußball muss für alle offen sein“, sagte Wenger. „Die Nationalelf repräsentiert das Land, seine Kultur, und sollte einen einheimischen Trainer haben.“

Eine erstaunlich provinzielle Sicht für einen Fußballweisen. Sicher sollte der neue Trainer die englische Fußballkultur verkörpern können. Aber das können im Falle des Landes, das mit seiner kosmopolitischen Premier League die Stars aus aller Welt anzieht, inzwischen sehr viele. Der Deutsche Jürgen Klinsmann, der bei Tottenham Hotspur Erfolge feierte und die englische Fußballkultur liebt, könnte es. Der Italiener Fabio Capello, der sich selbst ins Gespräch gebracht hat, könnte es nicht. Capello hat nichts mit England und englischer Fußballkultur zu tun. Er spricht noch nicht einmal die Sprache.

Wengers enge Sicht entspricht der Meinung eines Teils der englischen Presse. Allerdings weniger kulturell als sportlich empirisch begründet. „Es kommen zehn Berti Vogtse auf einen Otto Rehhagel“, rief ein Reporter, als er mit seinen Kollegen nach Wengers Pressekonferenz weiterdiskutierte. Der Misserfolg des früheren Bundestrainers in Schottland sei eher der Normalfall als der Erfolg des früheren Bremer Trainers in Griechenland.

Selbst der linksliberale „Observer“ ist skeptisch gegenüber ausländischen Kandidaten. Ein Kolumnist seiner Schwesterzeitung „Guardian“ machte einen unkonventionellen, strategisch schlauen Vorschlag: Slaven Bilic, zurzeit Trainer der Kroaten, die England am Mittwoch im entscheidenden EM-Qualifikationsspiel schlugen und in der WM-Qualifikation nun wieder auf sie treffen. „Der Fußballverband würde einen Mann einstellen, der bewiesen hat, dass er ein selbstbewusstes, gut integriertes Nationalteam aufstellen kann“, schrieb ein Kolumnist der Zeitung. „Und außerdem würde der Verband damit das Team sabotieren, das die besten Aussichten hat, England auf dem Weg zur WM 2010 zu stoppen.“

An dieser Stelle schreiben unsere Korrespondenten dienstags über Fußball in England, Spanien und Italien.

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