Sport : Flankenwechsel aus vollem Lauf

Nicht erst seit dem Verkauf von Odonkor vollzieht Dortmund einen sanften Ausstieg aus der Talentförderung

Felix Meininghaus[Dortm]

Welches Juwel sie mit David Odonkor im Verein haben, konnten die Funktionäre von Borussia Dortmund beim Länderspiel gegen Schweden in Gelsenkirchen bestaunen, als der junge Mann eingewechselt wurde. Dass ein Dortmunder Spieler ausgerechnet beim so innig gehassten Revierrivalen auf Schalke mit Sprechchören gefeiert wird, ist in der ereignisreichen Geschichte der Traditionsklubs ein Novum. Odonkor ist landesweit zum Popstar und Liebling der Massen aufgestiegen, seit er von Jürgen Klinsmann in letzter Minute für die WM berufen wurde und dort als Kurzzeitarbeiter auf der rechten Außenseite zur Attraktion wurde.

Bei Borussia Dortmund aber, wo er seit seinem 14. Lebensjahr zum Profi ausgebildet wurde, spielt der im ostwestfälischen Bünde geborene Sohn eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter ab sofort keine Rolle mehr: Odonkor ist für 6,5 Millionen Euro zum spanischen Erstligisten Betis Sevilla transferiert worden.

Stets hat der 22-Jährige das schwarz- gelbe Lager geteilt. Die einen halten ihn für einen Mann, der zum neuen Thierry Henry reifen kann, wenn man ihn konsequent fördert und spielen lässt. Die anderen haben gelästert, Odonkor sei ein Leichtathlet in Fußballschuhen. Immer dann, wenn der Ball ins Spiel komme, stoße er an seine Grenzen. In der vorigen Saison hat BVB-Trainer Bert van Marwijk auf den schnellsten Mann der Bundesliga gesetzt und eifrig an der Schusstechnik seines Schützlings gefeilt. Mit Erfolg: Mit 229 Hereingaben war der Nationalspieler mit Abstand der Beste, weit abgeschlagen folgte Stuttgarts Grönkjaer mit 115 Flanken. Die Statistik verrät aber auch die Defizite: nur zwei Tore in 75 Erstligapartien, zu wenig für einen Mann mit diesen Möglichkeiten.

Künftig wirbelt Odonkor also in Spanien, was Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke als normalen Vorgang einstuft: „Wir sind nicht Bayern München und müssen Transfererlöse generieren. Diesem Angebot konnten wir uns nicht verschließen.“ Eine Einschätzung, die auch für den Spieler selbst gelte, der bei seinem neuen Arbeitgeber fünf Jahre lang 1,5 Millionen Euro jährlich verdienen soll. „Für David bedeutet das einen Quantensprung“, sagt Watzke, „Lichtjahre von dem entfernt, was wir ihm hätten bieten können.“

Das frische Geld wird Borussia Dortmund, laut Watzke, „erst einmal auf unser Festgeldkonto packen“. Der Darstellung, mit dem Transfer von Odonkor verabschiede sich der BVB vom viel gerühmten Dortmunder Jugendstil der vergangenen Saison, widerspricht Watzke vehement: „Absoluter Unsinn“, sagt er, „ich weiß gar nicht, warum dieses Thema immer wieder aufkommt.“

Wohl deshalb, weil es für die Talente aus dem eigenen Verein deutlich schwerer geworden ist, seit der Champions-League-Sieger von 1997 seine Offensiv- und Kreativabteilung mit auswärtigen Profis wie Valdez (Paraguay), Frei (Schweiz), Pienaar (Südafrika) und zuletzt Tinga (Brasilien) mit über zehn Millionen Euro aufgepeppt hat. Watzke verteidigt die Personalpolitik, „schließlich steigen bei uns die Ansprüche. Wir orientieren uns wieder am internationalen Geschäft“.

Dabei nimmt der Geschäftsführer junge Spieler wie Nuri Sahin, Marc-André Kruska, Markus Brzenska, Sebastian Tyrala oder den erst 16-jährigen David Vrzogic in die Pflicht: Sie seien in jungen Jahren „teilweise schon nahe an die Mannschaft gerückt. Nun müssen sie den zweiten Schritt gehen und sich durchsetzen.“

Das Ausnahmetalent Nuri Sahin hat da derzeit auffällige Probleme. Der 17-Jährige, vor einem Jahr als jüngster Spieler und jüngster Torschütze der Bundesligageschichte gefeiert, hat Schwierigkeiten, das Tempo in der Bundesliga mitzugehen. Beim Saisonauftakt in München wurde der Türke von van Marwijk ein- und später wieder ausgewechselt. Für Fußballer bedeutet das die Höchststrafe. Watzke mahnt zur Geduld: „Der Junge ist noch ein Jahr A-Jugendlicher, gebt ihm Zeit.“ Sein Verein werde vom eingeschlagenen Weg nicht abweichen und weiter zweigleisig fahren, „eigene Spieler aufbauen, aber auch Klassespieler verpflichten“. Vorbei sind die Zeiten, als die Talente bei Borussia Dortmund garantierte Einsatzzeiten hatten, weil die Kasse leer war.

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