Sport : Flucht in die Vergangenheit

Bodo Rudwaleit hatte Angebote aus dem Westen. Aber der Torwart blieb dem BFC Dynamo treu – bis heute

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Von Andre Görke

Als Bodo Rudwaleit neulich mit seinem Taxi durch die Straßen von Erkner fuhr, hat er einem Fahrgast wieder die alten Geschichten erzählt. Vom Fluchtversuch im Stuttgarter Neckarstadion. Oder von jenem Mann, der im Fußballstadion von Zürich plötzlich im Kabinengang auftauchte und einen Geldkoffer in der Hand trug. Es war alles bestellt: Im Westen wartete ein Fußballklub, hinter der Züricher Haupttribüne der Fluchtwagen.

Taxifahrer plaudern ganz gerne, das ist bekannt. Aber in den Achtzigerjahren, da hat der Taxifahrer Bodo Rudwaleit wirklich spannende Geschichten erlebt. Rudwaleit hat damals in der Fußballbranche sein Geld verdient, er war DDR-Nationalkeeper und stand beim DDR-Rekordmeister BFC Dynamo unter Vertrag. In all den Jahren im Europapokal und bei den Reisen mit der Nationalmannschaft hatte es immer wieder Angebote gegeben, nach dem Abpfiff nicht im Mannschaftsbus nach Berlin zu sitzen, sondern in einem Fluchtfahrzeug in den Westen. Rudwaleit aber lehnte ab. Immer. „Hätte nur Ärger gegeben“, sagt er. Die Familie wartete schließlich in Ost-Berlin.

Ein Nachmittag in Hohenschönhausen: Die Haare sind weniger geworden, grauer. Müde sieht er aus. Rudwaleit hat vor einer Woche seinen 45. Geburtstag gefeiert. Spannend war die Zeit damals, erzählt er. „Heute, bei uns in der Mannschaftskabine, da wollen die Jungs die alten Geschichten hören.“

Die Jungs. Das sind jene Spieler, die in diesen Tagen für den einst so großen BFC Dynamo kicken. Rudwaleit war bis vor wenigen Wochen Trainer des BFC. Tief ist sein Klub abgerutscht, statt im Europapokal spielte Dynamo in den vergangenen Monaten in der Sechstklassigkeit. Guten Fußball spielen sie dort nicht. Warum er sich das antut? „Mein Herz hängt doch am BFC“, sagt Rudwaleit. Er guckt etwas unglücklich. Gut war der Spruch nicht, das weiß er. Aber Rudwaleit meint so etwas ehrlich.

Dem BFC Dynamo geht es seit einigen Wochen wieder etwas besser. Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens vor einem Jahr und dem Rückzug der ersten Mannschaft aus dem laufenden Spielbetrieb nimmt die erste Mannschaft nun wieder daran teil. Die neue Saison hat gerade erst begonnen. Für Dynamo in der fünftklassigen Verbandsliga, das ist immerhin die höchste Berliner Spielklasse. Die Geschichte mit dem Insolvenzverfahren läuft nach Plan. Die Gläubiger wurden beruhigt, und jetzt dürfen sie sich in Hohenschönhausen sogar wieder einen Telefonanschluss leisten. Das hat der Insolvenzverwalter genehmigt.

Geld hat der Klub dennoch keines. Als die Mannschaft, eine übersichtliche Truppe, im Frühjahr in personellen Schwierigkeiten steckte, da zog sich Rudwaleit noch einmal das BFC-Trikot über. Mit 44 Jahren. Wie viele Tore er da kassiert hat? „Keines, ich war Libero. Da muss ich mich nicht so viel bewegen.“ Nach dem Spiel haben die Knochen trotzdem gewaltig wehgetan, und Rudwaleit hat gemerkt, dass es so langsam an der Zeit ist, mit dem Fußballspielen aufzuhören. Deswegen ist jetzt Schluss. „Endgültig“, sagt er. Nun steht Rudwaleit als Kotrainer des BFC Dynamo am Spielfeldrand. Früher, da hätte er viel aus seinem Talent machen können. Im Westen haben die Klubs ihm viel Geld geboten. Ehemalige Dynamo-Profis wie Andreas Thom und Thomas Doll sind nach der Maueröffnung in den Westen gewechselt. Doch da „war ich denen schon zu alt“, sagt Rudwaleit. „Ich hätte drüben nichts gefunden.“ Die Klubkollegen sind zu den großen Klubs nach Leverkusen und Hamburg gewechselt, Rudwaleit fand einen Job in der Drittklassigkeit. In Eisenhüttenstadt, später dann bei Tennis Borussia. Rudwaleit war längst aus dem Geschäft.

Toni Schumacher ist Torwarttrainer bei Borussia Dortmund. Sepp Maier kümmert sich um die Nationalmannschaft, und auch der ehemalige DDR-Nationaltorhüter Perry Bräutigam hat bei Hansa Rostock einen Job gefunden. Gemessen an den vielen Meisterschaften, Länderspielen, den Pokalsiegen, ja, eigentlich gehört auch Rudwaleit in diese Liga.

„Der Mann ist ein Verlierer der Wende“, sagen viele, nur Rudwaleit, der sieht das anders. „Ich wollte mich drüben nicht aufdrängen.“ Und: „Ich wollte nicht betteln.“ Auch Jürgen Bogs, der Meistertrainer des BFC Dynamo, fand nach der Wende keinen Job in der Bundesliga. Er argumentierte ähnlich. Ende der Neunzigerjahre ist Bogs zum BFC zurückgekehrt. Nachdem der Klub im vergangenen Jahr seinen Angestellten aber kein Geld mehr hatte zahlen können, schmiss er hin. Rudwaleit blieb. Er sagt: „Mir war ja klar, dass ich nach dem Fußball noch einmal arbeiten müsste.“ Das Taxi? „Gehört meiner Frau“, sagt Rudwaleit. „Ich bin Angestellter.“

Den Posten des Cheftrainers beim BFC Dynamo hat nun Dirk Vollmar übernommen, ein ehemaliger Fußballprofi, der früher bei den Offenbacher Kickers sein Geld verdient hat und seit einigen Monaten Sportinvalide ist, weil er sich beim Training den Halswirbel verletzt hat. Nico Thomaschewski steht beim BFC im Tor, kein Unbekannter. Er hat einst mit Tennis Borussia in der Zweiten Liga gespielt. An Rudwaleits Vergangenheit aber, da reicht bei Dynamo niemand ran. Gestern, als Rudwaleit nach dem 1:0-Sieg beim Berliner SC den Platz verließ, riefen die Fans: „Bodo, wink’ einmal.“ Rudwaleit lächelte und winkte. Viele sagen: Bodo ist alles, was dem BFC Dynamo geblieben ist.

Vielleicht ist es auch umgekehrt.

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