Sport : Flucht zum Freund

Vor 40 Jahren trat die DDR erstmals bei Olympischen Winterspielen an. Doch ihr Star Ralph Pöhland fehlte

Jutta Braun,Michael Barsuhn

Es ist kurz nach halb zehn, als im Teamhotel der Ski-Nationalmannschaft der DDR im schweizerischen Les Brassus die Lichter ausgehen. Nach einem harten Trainingstag herrscht Nachtruhe. Doch Ralph Pöhland, ostdeutsche Medaillenhoffnung für die bevorstehenden Olympischen Winterspiele in Grenoble, ruht nicht. Er wälzt sich hin und her, simuliert Schlafstörungen. Sein Bett sei zu klein, sagt er seinem Zimmergenossen Andreas Kunz und wechselt ins Zimmer von Axel Lesser. Ihm wiederum erzählt er nach kurzer Zeit, er schlafe wohl besser im ursprünglichen Quartier. Knapp zwei Stunden später, seine Kameraden befinden sich bereits im Tiefschlaf, schleicht Pöhland unbemerkt über den dunklen Hotelflur, seinen schottengemusterten Koffer in der Hand. Er ist im Begriff, ein „Staatsverbrechen“ zu begehen.

Ralph Pöhland will in die Bundesrepublik flüchten, jetzt, sofort.

Das Risiko ist dem Klingenthaler Dynamo-Sportler bewusst. Vor ihm haben es schon etliche DDR-Athleten versucht; einige wurden dabei erwischt und jahrelang inhaftiert. Vorsichtig stiehlt Pöhland sich auf den Balkon. Unten, am Holzabladeplatz, wird er von seinem prominenten Fluchthelfer erwartet: Georg Thoma, bundesdeutscher Ski-Weltmeister von 1966. Thoma sitzt angespannt im startbereiten Porsche. Pöhland wirft seinen Koffer vorweg in den Tiefschnee, erklimmt die Brüstung – und erstarrt, als grell aufstrahlende Scheinwerfer ihn blenden. „Ich hatte wahnsinnige Angst, ich dachte: Jetzt haben sie mich erwischt“, erinnert sich Pöhland heute. Aber Georg Thoma beruhigt ihn: „Komm, Ralph, du brauchst keine Angst zu haben. Das ist das ZDF.“

Morgens um fünf am 20. Januar 1968 erreicht das Fluchtauto bei Basel die bundesdeutsche Grenze. Einige Stunden später wundern sich Pöhlands Mannschaftskameraden bei Kaffee und Toast, weshalb sein Platz am Frühstückstisch leer bleibt. Sein Täuschungsmanöver ist noch nicht aufgeflogen. „Vielleicht liegt er beim Stubenmädchen“ wird gewitzelt, und dann wirft Andreas Kunz einen Blick aus dem Fenster. „Ich sah die Spuren im Schnee“, erzählt er. „Da wusste ich Bescheid.“

40 Jahre ist das jetzt her.

Im Februar 1968 finden in Grenoble die zehnten Olympischen Winterspiele statt. Es sind die ersten, bei denen die DDR selbständig antreten darf. Die Stimmung zwischen beiden deutschen Lagern ist gereizt. Nach Pöhlands Flucht hat die DDR ihren Athletenkader von 95 auf 57 Wintersportler reduziert, nur die politisch Zuverlässigsten dürfen nach Frankreich reisen. Auch Pöhland ist vor Ort; er will für die Bundesrepublik in der Nordischen Kombination antreten. Er hat schon eine Startnummer, absolviert Trainingssprünge. Im bundesdeutschen Mannschaftsdress spaziert der ehemalige ostdeutsche Nachwuchsstar selbstbewusst durchs olympische Dorf. Die DDR-Sportführung schäumt ob der „Provokation“ und erhält Hilfe vom großen Bruder Sowjetunion. Der Ostblock macht kollektiv Druck, droht mit Rückzug vom wichtigsten Sportereignis. Ralph Pöhland wird gesperrt.

Der Sportler ist irritiert, hat das nicht erwartet. Bereits Monate vor der Nacht in Les Brassus stand er in Kontakt mit dem westdeutschen Skiverband, um die Flucht abzusprechen. Dabei, so Pöhland, sei ihm auch ein Schreiben des Präsidenten des Welt-Skiverbandes Marc Hodler gezeigt worden. In diesem wurde dem Klingenthaler versichert, er werde auch starten können, wenn er die innerdeutschen Seiten wechsle. Fühlt Ralph Pöhland sich im Nachhinein hereingelegt? Er winkt ab. „Mir war meine Freiheit ohnehin wichtiger als die Spiele.“ Dann grinst er verschmitzt und fügt hinzu: „Natürlich haben die Westdeutschen mit meiner Flucht erreicht, dass sie einen wichtigen Gegner bei der ersten olympischen Konkurrenz mit der DDR weniger hatten.“ Gold in der Nordischen Kombination holt schließlich der Westdeutsche Franz Keller. Pöhlands Trainingspartner seit Jugendzeiten, der Klingenthaler Andreas Kunz, gewinnt für die DDR die Bronzemedaille.

In der Folgezeit baut die SED Kunz als neuen Sporthelden auf, Pöhland hingegen wird als Staatsfeind diffamiert. „Wir haben diesem Verräter gezeigt, dass wir ihn nicht brauchen“, legt die SED-Propaganda Kunz in den Mund. Tatsächlich jedoch bleiben beide Athleten befreundet. Am Rande von internationalen Wettkämpfen halten sie Kontakt. „Wir Sportler hatten ja menschlich gesehen keine Ost-West-Probleme, wir haben immer miteinander gesprochen“, sagt Pöhland. Bei den finnischen Skispielen 1969 in Lahti trifft er auf seine ehemaligen Mannschaftskollegen aus der DDR. „Du hast deinen Ausstand bei uns noch nicht gegeben“, feixen sie. Gemeinsam feiern West- und Ostdeutsche mit teurem finnischen Bier, bolzen bis in die Nacht in der Turnhalle. Wenig später organisiert Ralph Pöhland für Andreas Kunz eine Wildlederjacke im Westen.

Das alles entgeht der Stasi nicht.

Kunz wird nach Klingenthal zur Parteileitung zitiert. „Da haben sie mich gefragt, ob es diese Kontakte gibt. Ich sagte: Ja. Dann hieß es, ich sei nicht mehr tragbar, ein Verräter. Das war’s.“ Kunz, der Held von Grenoble, wird auf Parteibefehl dauerhaft vom Leistungssport ausgeschlossen. „Aus gesundheitlichen Gründen.“

Das SED-Regime rächt sich auch an Pöhlands Eltern. Fristlos verlieren sie ihre Anstellungen in volkseigenen Betrieben. „Mein Vater ging zur Gewerkschaft, aber die sagte: Wir können dir auch nicht helfen“, berichtet Ralph Pöhland. Seine Opferakte bei der Birthler-Behörde ist dick. Das MfS durchsetzte das Umfeld der Familie mit Inoffiziellen Mitarbeitern, es versuchte, engste Angehörige gegeneinander auszuspielen. Die Stasi verhaftete sogar Pöhlands Vater, um den Geflüchteten zur Rückkehr zu zwingen. Vergeblich.

Nach seiner Flucht findet Pöhland Unterschlupf bei Georg Thoma in Hinterzarten. Es ist seine einzige Zuflucht, denn – Thoma ist noch heute verärgert, wenn die Sprache darauf kommt – „die Funktionäre haben sich ja nicht um ihn gekümmert“. Es ist eine unerwartete Verantwortung für den Skistar aus dem Schwarzwald, der ursprünglich bei dem riskanten Unternehmen gar nicht mitmachen wollte.

Seit 1966 kennt er Pöhland von internationalen Wettkämpfen und Plaudereien an der Schanze. An einem Herbstabend 1967 erreicht Thoma der Anruf des Skiverbandes, über den er zunächst „nicht glücklich“ ist. Er solle Pöhland zur Flucht in Les Brassus verhelfen. „Wieso soll ich das machen?“, entgegnet Thoma unwirsch. Am Ende willigt er ein. Mehr als ein Jahr lebt Pöhland in der jungen Familie, Thoma hilft ihm finanziell und beruflich auf die Beine, besorgt ihm eine erste Beschäftigung auf dem örtlichen Tennisplatz, später bei der Bundespost.

Noch heute, nach 40 Jahren, sind Thoma und Pöhland befreundet, auch wenn sie sich seltener sehen. Nach der Wende ist Pöhland in seine Heimat zurückgekehrt, ins sächsische Vogtland. Von seinem gesamtdeutschen Abenteuer und der Zeit in Hinterzarten ist ihm die süddeutsche Sprachfärbung geblieben. Und die Wertschätzung für Georg Thoma: „Ihm verdanke ich alles.“

Jutta Braun ist Sporthistorikerin an der Universität Potsdam. Michael Barsuhn arbeitet beim Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.

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