Sport : Förderung vor Gericht

Was das heutige Karlsruher Urteil zum staatlichen Wettmonopol für den deutschen Sport bedeutet

Christian Hönicke

Wer Norbert Skowronek zuhört, könnte zu der Annahme kommen, er habe gerade Schreckliches erleben müssen. Von einem „Dammbruch“ redet er und einer „Katastrophe“. Doch Skowronek redet nicht von Überflutungen oder dergleichen – der Direktor des Landessportbundes (LSB) Berlin spricht über Glücksspiele. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe am Dienstag zur Rechtmäßigkeit des staatlichen Glücksspielmonopols könnte weit reichende Konsequenzen für den deutschen Sport haben. Nicht nur Skowronek hat die Sorge, dass eine Sprengung des Monopols den Niedergang von tausenden Amateurmannschaften nach sich ziehen wird.

Die starke Abhängigkeit des Sports vom Glücksspiel ist historisch bedingt. Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen die Landessportbünde gemeinsam mit den Fußballverbänden und der Fußball- Wette Toto als Gesellschafter in die neu gegründeten Lotteriegesellschaften ein. Damals waren die Umsätze mit den Totozetteln noch ungleich größer als jene der Lotterien, und eine Beteiligung des Sports schien nur logisch. Doch jetzt ist diese Allianz bedroht.

Sollte das Gericht eine Liberalisierung beschließen, wird das bisherige Abgabenmodell nicht mehr zu halten sein. Bisher führen die staatlichen Anbieter neben den 16,7 Prozent Lotteriesteuer noch einmal 20 Prozent so genannten Zweckertrag ab. Dieses Geld wird nicht nur zur Förderung des Sports eingesetzt, sondern in Berlin beispielsweise auch für Zoo und Tierpark, Museen und gemeinnützige Projekte. „Wenn das wegfällt, wäre die Stadt nicht mehr wiederzuerkennen – im negativen Sinne“, sagt Dietmar Bothe, der Sprecher des LSB Berlin.

Das gilt auch für den LSB selbst. „Wir werden unsere Projekte dann sicher verstärkt nach Effizienzgesichtspunkten betrachten müssen“, sagt Skowronek. Die Talentförderung von Vereinen werde es auch weiterhin geben, „aber wir haben zum Beispiel ein Straßenfußballprojekt für jugendliche Delinquenten. Das ist sehr aufwändig und bringt erst mal keinen errechenbaren Nutzen.“ Im vorigen Jahr hatte der LSB Berlin einen Etat von knapp 25 Millionen Euro – etwa 19 Millionen stammten aus Lotterietöpfen. In anderen Bundesländern wie Brandenburg besteht der Haushalt der Landessportbünde komplett aus Glücksspieleinnahmen. Insgesamt erhalten die deutschen Sportbünde etwa 500 Millionen Euro jährlich aus staatlichen Sportwetten und Lotterien. Dieses Fördergeld wird laut Holger Niese, Justiziar des Deutschen Sportbundes (DSB), „vor allem im Breitensport“ eingesetzt. Nicht eingerechnet ist der Sportstättenbau, den die Länder aus einem Extra-Lotterietopf finanzieren.

Angesichts dieser Dimensionen ist die Angst der Verbände vor der großen Umwälzung verständlich. Gemeinsam mit dem staatlichen Fußballwettanbieter Oddset haben sie in den vergangenen Monaten Stimmung gegen das befürchtete Urteil gemacht, das nach Meinung vieler Experten kaum noch zu verhindern ist.

Im Hintergrund wird allerdings längst an Lösungen gebastelt. Der DSB hat im August 2005 eine Arbeitsgruppe gegründet, die Konzepte und Lösungen für verschiedene mögliche Urteile erarbeiten soll. Falls es zu einer Liberalisierung kommt, wollen die Landessportbünde mit den Lotteriegesellschaften eine Strategie erarbeiten. Der LSB Berlin hat vor zwei Jahren eine Stiftung zur Verbesserung der Eigenfinanzierung gegründet, wenngleich Direktor Skowronek „frühestens 2010 bis 2013“ mit einem merklichen Effekt rechnet. Allein wird es der Sport aber nicht schaffen. Angesichts der vielen gesellschaftlichen Aufgaben, die der Sport erfüllt, ist für DSB-Justiziar Niese klar: „Der Gesetzgeber ist dann gefragt.“

Hier sind sich private und staatliche Wettanbieter sowie Verbände ausnahmsweise einig. Sie fordern Chancengleichheit auf einem liberalisierten Markt. Der wahrscheinlichste Ansatz sieht eine niedrige prozentuale Abgabe vor, die jeder Wettanbieter entrichten muss. „Diese Abgabe muss aber marktkonform sein“, sagt Hartmut Schulz, der Pressesprecher des größten deutschen Privatanbieters Betandwin. „Andernfalls werden viele Firmen über das Internet vom Ausland aus operieren.“ Als Vergleich nennt er das britische Modell, bei dem die Firmen zwei Prozent ihrer Einnahmen abführen müssen. Doch selbst wenn das von Betandwin prognostizierte Wachstum des Wettmarkts von derzeit etwa 2,25 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr auf „fünf bis sechs Milliarden“ eintritt, bliebe bei diesem Modell laut Skowronek „kein Raum für eine Sportförderung“. Um das jetzige Niveau zu halten, „wäre der zehnfache Umsatz auf dem deutschen Wettmarkt nötig“, sagt der LSB-Direktor. „Das werde ich wohl nicht mehr erleben.“

Ein weiteres Problem ist, dass dem Sport angesichts der Bedrohung sogar Gegner aus den eigenen Reihen erwachsen. Groß war das Erstaunen, als der Deutsche Fußball-Bund plötzlich ausscherte und für den Fall einer Liberalisierung eine eigene Bundesliga-Wette ankündigte. Der Fußball-Verband und seine Vereine wollen auf diese Weise von den Wetten profitieren. „Dieser Vorstoß wird auch politisch sehr skeptisch gesehen“, sagt Holger Niese vom DSB. Damit habe der Fußball das Solidaritätsprinzip innerhalb des Sports verletzt. Die größte Sorge gilt der Vermutung, dass mit einem eigenen Wettangebot der Bundesliga lediglich die Profivereine unterstützt werden sollen und Breitensport sowie Nachwuchsförderung weitgehend ignoriert werden. „Dann kaufen die sich ihre Talente eben aus dem Ausland“, sagt Niese.

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