Sport : Formel 1: Das Geraune hat ein Ende

Frank Bachner

Michael Schumacher fiebert diesem Tag förmlich entgegen. Diesem Sonntag und diesem Rennen. Großer Preis von Spanien, fünftes Rennen der Formel-1-Saison. Man muss dieses Fiebern verstehen, gerade bei Schumacher. Er gilt als der feinfühligste, kompletteste Fahrer der Szene. Einen Mann mit seinen Fähigkeiten muss das Wort "Betrug" treffen wie ein Stich mit einer heißen Nadel. Gut, "Betrug" hat wörtlich eigentlich niemand gesagt, aber seine Konkurrenten, Heinz-Harald Frentzen, Jordan-Honda, etwa, haben sich so ausgedrückt, dass es auf das Gleiche herauskam.

Ferrari, Schumachers Team, habe verbotene Traktionskontrollen eingesetzt, lautet der Vorwurf. Nicht nur beim Grand-Prix in Malaysia, als Schumacher und sein Teamkollege Rubens Barrichello "um die anderen Kreise gefahren sind, als wären das Formel-3-Autos", wie RTL-Kommentator und Ex-Formel-1-Pilot Christian Danner staunend registrierte. Auch früher schon. "Dubiose Dinge", sagte Frentzen, habe Ferrari früher benützt. Er meinte Traktionskontrollen. Die sorgen dafür, dass die Räder nicht mehr durchdrehen und das Auto schneller aus der Kurve beschleunigt wird.

Jetzt hat das Geraune ein Ende. Von Barcelona an dürfen wieder Traktionskontrollen eingesetzt werden. "Jetzt", sagt Michael Schumacher, "herrscht endlich wieder Ruhe." Das ist das eine. Ein anderer Punkt ist die Kapitulation des Weltverbands Fia. Er gibt die Traktionskontrolle frei, weil er nicht überprüfen konnte, ob das Verbot auch wirklich eingehalten wurde. Mit ihrer Entscheidung raubt die Fia der Formel 1 aber auch einen Teil ihres Reizes - und vielleicht den Fahrern deren Gesundheit. Die Kontrollen wurden 1993 verboten. Die Fia wollte, dass gute Fahrer wieder vorne landen und schlechtere Fahrer für ihre Patzer büßen. Der Mensch mit seinem Fahrgefühl, das sich vor allem in den Kurven zeigt, sollte Rennen bestreiten, nicht ein Roboter mit einem Passagier im Cockpit. Jetzt übernimmt wieder der Computer entscheidende Aufgaben. Kurvenfahren ist eine Kunst, aber die Künstler sind jetzt alle gleich gut, weil die Technik die feinen Unterschiede ausgleicht. Ein sehr guter Regenfahrer kann nun zum Beispiel seine Vorteile nicht mehr ausspielen.

Andererseits ist auch das wieder Theorie. Die Gleichheit träfe zu, wenn alle Fahrer optimale Traktionskontrollen in ihren Autos hätten. Haben sie aber nicht, doch das macht die Sache nicht besser. Für eine optimale Kontrolle sind unzählige Tests nötig. Doch die können sich die kleineren Teams, Minardi etwa oder BAR-Honda, gar nicht leisten. Die Rennen werden deshalb noch mehr als bisher zum langweiligen Dreikampf zwischen Ferrari, McLaren-Mercedes und BWM-Williams. Vor allem aber steigt jetzt die Gefahr, Boliden mit optimaler Traktionskontrolle können Kurven schneller fahren als bisher. Damit rücken die Fahrzeuge immer näher an die absolute Geschwindigkeitsgrenze heran, die für jede Kurve gilt. Zwei, drei Stundenkilometer zu schnell, und das Fahrzeug fliegt aus der Kurve. Zum Reagieren bleibt immer weniger Zeit, der Stress für die Fahrer steigt. "Eine Kurve, die ich bisher mit 180 und Halbgas angefahren bin, attackiere ich jetzt vielleicht mit 190, aber mit Vollgas", sagt McLaren-Pilot David Coulthard. Vollgas bedeutet größtmögliches Risiko. Das ist Coulthard schmerzhaft bewusst. "Ich kann", sagt er, "nur hoffen, dass das System dann einwandfrei arbeitet." Woran er denkt, wenn es nicht optimal funktioniert, hat er nicht gesagt. Musste er auch nicht ...

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