Sport : Formel 1: Strafe für den kleinen Bruder

Hartmut Moheit

Wer soll Michael Schumacher auf dem Weg zum Weltmeistertitel noch stoppen? Sein Bruder Ralf wohl nicht und auch nicht David Coulthard. Die schärfsten Konkurrenten um die wertvollste Trophäe im Motorsport vergaben gestern beim Grand Prix von Europa auf dem Nürburgring eine weitere Chance, den Ferrari-Star vielleicht doch noch in Bedrängnis bringen zu können. Michael Schumacher gewann diesen Formel-1-Lauf souverän. David Coulthard wurde im McLaren-Mercedes hinter Juan-Pablo Montoya (BMW-Williams) nach 67 Runden und 305,252 Kilometern Dritter. Ralf Schumacher bekam im BMW-Williams nach einem Fahrfehler in der Boxengasse eine Zeitstrafe von zehn Sekunden aufgebrummt und wurde am Ende nur Vierter. Die Strafe war der entscheidende Punkt in diesem Rennen. Denn bis dahin hatte Ralf Schumacher ganz knapp hinter seinem Bruder gelegen. Die Fans und Beobachter rechneten ständig damit, dass er überholen würde. Ralf Schumacher war so verärgert über seine Strafe, dass er nach dem Rennen seinem Bruder nicht gratulierte, sondern sofort im Motorhome von BMW verschwand. BMW-Sportdirektor Gerhard Berger war zwar auch sauer, aber er sagte: "Die Regeln müssen eingehalten werden."

Mit seinem Sieg vergrößerte der Titelverteidiger seinen Vorsprung auf 68 Punkte, während für Coulthard (44) und Ralf Schumacher (25) acht Rennen vor Saisonende die Lage schon fast aussichtslos erscheint. "So würde ich das zwar nicht sehen, denn es kann ja noch so viel passieren, aber die Situation im Moment ist schon sehr günstig", sagte Michael Schumacher nach seinem fünften Erfolg im neunten WM-Lauf des Jahres. "Es ist immer schön, zu Hause ein Rennen zu gewinnen", ergänzte der nunmehr 39malige Grand-Prix-Gewinner, bevor er sich vor allem bei den 142 000 Fans bedankte: "Sie haben mich phantastisch unterstützt."

Einen Augenblick sah es so aus, als sollte die kleine Ferrari-Feier unter Zeitdruck (am kommenden Wochenende ist bereits der Grand Prix in Magny-Cours) überhaupt nicht stattfinden. Denn in der Aufwärmrunde eine halbe Stunde vor dem Start blieb Michael Schumacher, der in diesem Moment sein Ersatzfahrzeug fuhr, plötzlich wegen eines technischen Defekts stehen. Er musste aber dringend in die Boxengasse, weil die 15 Minuten vor dem Start geschlossen wird. Die Zeit lief Michael Schumacher davon. Aber dann nahte die Rettung in Form eines Motorrollers, ausgerechnet eines Rollers von BMW. Auf dem Rücksitz fuhr der Weltmeister in die Boxengasse zurück, wo sein Stammfahrzeug stand. Mit diesem Auto fuhr er dann, wie geplant, das Rennen.

Als die Ampel auf Grün umsprang, zog Michael Schumacher dem Feld sofort davon. Ralf Schumacher versuchte zwar an ihm vorbeizukommen, aber der Champion drückte ihn gnadenlos nach außen. "Darüber bin ich absolut sauer", sagte der kleine Bruder später. Danach entwickelte sich ein Rennen in der sonnigen Eifel, das rundenlang sogar ziemlich langweilig war. Die beiden Silberpfeile von McLaren-Mercedes büßten schnell Zeit ein. Sie lagen bereits nach sechs Runden 9,2 Sekunden (Coulthard) und 11,2 (Mika Häkkinen) zurück. Mercedes-Sportchef Norbert Haug sagte dazu: "Mika musste zwar mit Bremsproblemen kämpfen, doch insgesamt sind wir zu langsam. Wir müssen künftig auch eine bessere Abstimmung finden."

David Coulthard hatte nämlich "großes Glück", wie er es selbst formulierte, dass er Montreal-Sieger Ralf Schumacher hinter sich lassen konnte. Ab der 15. Runde konnte der auf Michael Schumacher immer mehr Druck ausüben, und in der 18., als sich der Bruder kurz verbremste, wäre er sogar fast an die Spitze gekommen. Danach betrug der Abstand zwischen beiden Autos oft nur 0,3 Sekunden. Bis hin zum Boxenstopp in Runde 27. Der Trick von Michael Schumacher, so zu tun, als fahre er doch an der Boxeneinfahrt vorbei und dann das Lenkrad im letzten Moment doch scharf einzuschlagen, klappte nicht. Beide fuhren hintereinander zum Reifenwechsel und zum Tanken. Das Ferrari- Team erledigte seinen Job schneller. Michael Schumacher fuhr als Erster auf die Rennpiste zurück, Ralf Schumacher musste David Coulthard vorbeiziehen lassen. Er war davon wohl derart überrascht, dass er am Ende der Boxenausfahrt regelwidrig eine Sperrlinie überfuhr und sich dafür eine Stop-and-go-Strafe von zehn Sekunden einhandelte. Damit war der Bruderkampf für diesen Tag beendet.

"Ich finde diese Entscheidung zu hart, obwohl die Regel das vorsieht", sagte Michael Schumacher, während BMW-Teamchef Mario Theissen meinte: "Diesen Fehler macht man nur einmal. Er kann durchaus so bestraft werden." Damit kam Ralf Schumacher auf insgesamt drei Stopps, während Coulthard mit einem durchkam. Und dennoch lag der BMW-Williams-Pilot in der Endabrechnung nur ganze 12,1 Sekunden zurück. Das dokumentiert zusätzlich, wie langsam die Silberpfeile auf dem Nürburgring waren. BMW ist zur Zeit ganz klar die zweite Kraft in der Formel 1 hinter Ferrari. Es wird nun immer wahrscheinlicher, dass es nicht bis zum Saisonende in Suzuka dauern wird, bis erneut Michael Schumacher als Weltmeister feststeht. 1992 hatte der Brite Nigel Mansell bereits in Budapest als Champion festgestanden. Dieses Rennen findet in diesem Jahr am 19. August statt, nach Magny-Cours, Silverstone und Hockenheim.

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