Sport : Formel 1: Vierkampf bleibt ein Dreikampf

Karin Sturm

Es kommt ja nicht oft vor, dass Michael Schumacher und der oberste Ferrari-Boss Luca di Montezemolo nicht einer Meinung sind. Im Moment könnte der naive Beobachter fast den Eindruck gewinnen, diese Situation sei eingetreten. Hat doch Schumacher nach seinem Ausscheiden beim Grand Prix von Deutschland in Hockenheim und dem gleichzeitigen Sieg seines Teamkollegen Rubens Barrichello öffentlich verkündet, die Weltmeisterschaft sei zum Vierkampf geworden.

Das ist nett gegenüber dem Brasilianer, der im 123. Anlauf seinen ersten Grand-Prix-Triumph feiern konnte und sein Heimatland in eine Mischung aus Freudentaumel und Tränen der Sentimentalität versetzte - sechseinhalb Jahre nach Ayrton Sennas letztem Sieg in Australien 1993. Und sicher nicht unklug von Schumacher, sich zusätzlich zu dem ganzen Verdruss, den er im Moment schon hat, nicht auch noch im eigenen Team durch unbedachte Worte Ärger zu schaffen. Wobei er genau weiß: Im Ernstfall braucht er seinen Teamkollegen sicher am wenigsten zu fürchten. Denn die Tendenz der Führung von Ferrari, auch nach dem Sieg Barrichellos im WM-Titelkampf weiterhin einzig und allein auf Michael Schumacher zu setzen, ist eindeutig. Selbst wenn sie in Italien zum Teil auf wenig Gegenliebe stößt: "Ferrari, mach die Augen auf", hieß es in der Rennsport-Wochenzeitung "Rombo". Ferrari müsse endlich kapieren, dass man zwei Fahrer habe. "Ferrari darf sich nicht nur um Michael Schumacher kümmern, der sich von seinen Kollegen immer weiter isoliert und dort keine Unterstützung mehr findet." Man müsse auch Barrichello beachten, "der in der WM nur noch zehn Punkte Rückstand hat, der ein offener, sympathischer, emotionaler Fahrer ist, eben einer von uns".

Möglicherweise in erster Linie, um gute Stimmung zu machen, hat man bei Ferrari jetzt entschieden, wenigstens mit vier Autos an den Hungaroring zum Großen Preis von Ungarn zu kommen, beide Fahrer haben also ihr eigenes Ersatzauto. Gleichzeitig bleibt di Montezemolo bei seiner Position: "Solange ich die Verantwortung trage, werden unsere Fahrer nicht gegeneinander kämpfen, sondern nur für das Team arbeiten. Wir geben beiden ein Auto zum Gewinnen, aber wir werden alles dafür tun, dass Michael Schumacher Weltmeister wird."

Sollte nicht das Unwahrscheinliche eintreten und Schumachers Pechsträhne anhalten, während Barrichello noch ein paar Rennen gewinnt, dann wird sich daran auch nichts ändern. Spätestens seit letztem Jahr, seit den größeren und kleineren Dramen rund um Eddie Irvine nach Schumachers Unfall, weiß man ja, was Ferrari bei aller Not von einem Ferrari-Weltmeister hält, der nicht Schumacher heißt.

Er könnte natürlich auch Mika Häkkinen oder David Coulthard heißen - deren Rückstand beträgt nur noch zwei Punkte. Und Häkkinen scheint sich nach einer gewissen Schwächeperiode vor ein paar Wochen jetzt gefangen zu haben und will die alte Ordnung bei McLaren wieder herstellen, mit ihm als Nummer 1. David Coulthard, selbstbewusster, härter und stärker denn je, hat ihm zuletzt diesen Rang abgelaufen. Endlich einmal nicht ständig von Defekten verfolgt, fand der Schotte, für viele unerwartet, zur Top-Form.

Eines zumindest ist sicher: Eine so spannende WM-Entscheidung wie in diesem Jahr gab es zuletzt 1986. Da hatten bis zum drittletzten Rennen des Jahres in Portugal die Großen vier von damals, Alain Prost, Nigel Mansell, Nelson Piquet und Ayrton Senna, noch Titelchancen, beim Finale in Australien machten Prost, Mansell und Piquet den Titel unter sich aus - nach Mansells berühmtem Reifenschaden mit dem besseren Ende für den Franzosen.

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