Formel 1 : Wunder unter Protest

Der überraschende Formel-1-Weltmeister Kimi Räikkönen muss noch ein bisschen um seinen Titel bangen - endgültige Gewissheit wird es wohl erst in ein paar Wochen geben.

Karin Sturm[Sao Paulo]
Räikkonen Foto: AFP
Zum ersten Mal Weltmeister: Kimi Räikkönen mit Jean Todt und Teamkollege Massa. -Foto: AFP

Es schien, als würde sich die ereignisreichste Formel-1-Saison seit Jahrzehnten einfach weigern, zu Ende zu gehen. Auch nach dem dramatischen Finale beim Großen Preis von Brasilien, in dem der finnische Außenseiter Kimi Räikkönen mit seinem Sieg im Ferrari vor den favorisierten McLaren-Piloten Lewis Hamilton und Fernando Alonso sensationell Weltmeister wurde, war das turbulente Rennsportjahr 2007 noch längst nicht vorbei. An den Autos von BMW-Sauber und Williams-Toyota waren nach dem Rennen Unregelmäßigkeiten bei der Benzintemperatur aufgetaucht. Eine Disqualifikation des Viertplatzierten Nico Rosberg (Williams) und der direkt hinter ihm platzierten BMW-Piloten Robert Kubica und Nick Heidfeld drohte – in diesem Fall wäre Hamilton auf Rang vier gerückt und am Grünen Tisch Champion geworden. Bis kurz vor 22 Uhr Ortszeit, sechs Stunden nach seiner umjubelten Zieldurchfahrt in Sao Paulo, musste Kimi Räikkönen um seinen WM-Titel zittern. Dann erreichte ihn in seinem Hotel die erlösende Nachricht, dass es keine Disqualifikation gab. Allerdings kündigte McLaren-Mercedes an, Protest einlegen zu wollen. Endgültige Gewissheit wird der 28-Jährige also vermutlich erst in einigen Wochen haben, wenn über die Eingabe entschieden worden ist.

In Finnland, vor allem aber in Italien ließ man sich dennoch nicht davon abbringen, nach dem „Wunder von Sao Paulo“ den bisher so „bizarren Antihelden“ als „Forrest Gump der Formel 1“ („La Gazzetta dello Sport“) zu feiern. „Von diesem Tag wird man noch in 100 Jahren sprechen“, jubelte Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo und sprach vom „Sieg der Gerechtigkeit“. Selbst Ferrari-Legende Michael Schumacher, dessen Erbe Räikkönen vor dieser Saison angetreten hatte, ließ verkünden, er habe sich riesig gefreut über die Superleistung. Räikkönen verteilte ebenfalls Komplimente: „Ich liebe euch alle, dieses Jahr hat mir viel mehr Spaß gemacht als die Jahre davor.“ Eine weitere Ohrfeige für sein ehemaliges Team McLaren-Mercedes.

Dort war er fünf Jahre lang erfolglos dem Titel hinterhergefahren. Nun holte ihn Räikkönen für Ferrari gleich auf Anhieb und entriss seinem früheren Arbeitgeber trotz zeitweise 26 Punkten Rückstand im Weltmeisterschaftskampf nach der wegen der Spionageaffäre aberkannten Konstrukteurs-WM auch noch den Einzeltitel – mit einem Zähler Vorsprung vor dem punktgleichen McLaren-Duo.
  
Neben seinem lange führenden Teamkollegen Felipe Massa, der ihn 21 Runden vor Schluss passieren ließ, war der große Rivale McLaren-Mercedes sein eifrigster Titelhelfer gewesen. Lewis Hamilton war als Führender und Favorit in den Showdown gegangen und stand nach fahrerischen und technischen Aussetzern schließlich doch mit leeren Händen da. Nach seinem Fauxpas in Schanghai vergab der 22-Jährige, von vielen schon als jüngster Formel-1- Weltmeister gefeiert, auch den zweiten Matchball und verlor unter der sengenden Sonne von Sao Paulo die Coolness. „Ich werde es nächstes Jahr wieder versuchen“, kündigte er trotzig an.

Auch Fernando Alonso musste der Triumphfahrt der Ferrari ohnmächtig zusehen und erhob später schwere Vorwürfe gegen sein eigenes Team. Auf dem spanischen Radiosender „Cadena SER“ unterstellte er seinem Teamchef Ron Dennis abermals, im Titelkampf und Teamduell mit Lewis Hamilton benachteiligt worden zu sein. „Es ist kein Geheimnis, dass man mich nicht besonders unterstützt hat. Bei den letzten Rennen waren mir Füße und Hände gebunden. Ich hatte keinerlei Handlungspielraum“, sagte der Spanier. „Ich musste tun, was man mir sagte, und das machte es noch schwerer, den Rückstand aufzuholen.“

Der Abgang des entthronten Weltmeisters nach einer Saison voller Zwist und Missverständnissen ist nun quasi unvermeidbar. Ron Dennis sagte, dass er sich dem Thema in den kommenden zwei Wochen widmen werde. Sein Partner Norbert Haug gab schon einmal recht unmissverständlich die Richtung vor. „Wenn eine Kooperation partout nicht funktioniert, muss man auch getrennte Wege gehen können“, sagte der Mercedes-Motorsportchef.

Angesichts dieser Konstellation erschien es nur logisch, dass Alonso sich auf die Seite Ferraris und Räikkönens stellte. Nachdem er sich zu der größtmöglichen Beleidigung für seinen Chef verstiegen hatte („Ferrari hat einfach wesentlich besser gearbeitet.“) legte er deutlich dar, was er von dem Protest seines Arbeitgebers gegen die Rennwertung von Sao Paulo hält. „Wenn Hamilton durch einen Protest den Titel gewänne, würde ich vor Scham vergehen“, sagte der 26-Jährige. „Das wäre eine Schande.“

Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass es dazu kommt. Schon unter normalen Umständen haben Proteste in der Formel 1 eine geringe Aussicht auf Erfolg. In diesem Fall kommt hinzu, dass es kaum im Interesse der Formel-1-Bosse liegen dürfte, nach der Konstrukteurswertung auch noch die Fahrer-WM abseits der Strecke zu entscheiden. Verlassen allerdings sollte sich Kimi Räikkönen nach dieser chaotischen Saison nicht darauf.  

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