Sport : Formel 1: Zwei Brüder, zwei Meinungen

Karin Sturm

Michael Schumacher saß auf dem Podium und dachte laut nach. So laut, dass andere nachfragen durften. "Es ist schwierig, die richtige Worte zu finden für das, was da in New York passiert ist", sagte der Mann, der mit seinem roten Ferrari schon seit Wochen als neuer Formel-1-Weltmeister feststeht. "Natürlich gilt unsere ganze Sympathie den Menschen, die dem Terroranschlag zum Opfer gefallen sind." Wird also das nächste Formel-1-Rennen, ausgerechnet Ferraris Heim-Grand-Prix, der Große Preis von Italien in Monza, abgesagt? Schumacher wand sich. "Man muss in die Zukunft schauen und hoffen, dass man daraus lernen kann, damit solche Dinge hoffentlich nicht wieder passieren." Nein, eine Absage des Großen Preises von Italien mochte Michael Schumacher - wie die meisten Verantwortlichen in der Formel 1 - nicht befürworten.

Seitdem der frühere Weltmeister Niki Lauda am Mittwochabend einem Fernsehsender erzählt hatte, die italienische Regierung solle doch darüber entscheiden, ob es nicht besser wäre, das Rennen von Monza abzusagen, hatten entsprechende Gerüchte die Runde gemacht. Und doch war eine Absage eigentlich nie ein echtes Thema. Immerhin hat die Frage die Spekulationen, ob Mika Häkkinen seinen Rücktritt von der Formel 1 erklären könnte, völlig in den Hintergrund gedrängt. Der Veranstalter jedenfalls hat nie daran gedacht, das Rennen abzusagen. Nur einige Showveranstaltungen fallen aus, darunter die Flugvorführungen einer italienischen Militär-Kunstflugstaffel.

Auch Ferrari will ein Zeichen setzen. Das normalerweise immer am Samstag vor dem Rennen von Sponsor Marlboro organisierte Gala-Dinner mit Präsident Luca di Montezemolo und den beiden Fahrern Michael Schumacher und Rubens Barichello wurde abgesagt. Auch aus Pietät, schließlich gehört der Zigarettenhersteller zum amerikanischen Konzern Philip Morris. "Monza sollte an diesem Wochenende kein großes Fest, sondern nur ein sportliches Ereignis sein", sagte di Montezemolo. "Dieser Tatsache müssen sich auch die Fans bewusst sein."

Auch Frank Williams ist der festen Überzeugung, dass es richtig ist, das Rennen nicht abzusagen. "Man muss ein Zeichen setzen, dass das Leben weitergeht", sagte der Chef des Williams-Teams. "Ich habe darüber auch mit Bernie Ecclestone gesprochen - der ist der gleichen Meinung." Mit dieser Einschätzung wird er wohl Recht haben. Schließlich hatte der von Ecclestone geführte Weltverband FIA schon früh verlauten lassen, man habe nicht die Absicht, eines der kommenden Rennen abzusagen.

Nicht alle wollen öffentlich Stellung nehmen. Dort, wo geschwiegen wurde, herrschte die Angst, in einer schwierigen Situation etwas Falsches zu sagen. Etwas, an das man noch in Jahren erinnert werden würde. Aber trotz Schock und Betroffenheit - unter der Hand vertreten viele in der Formel 1 die Auffassung, man dürfe jetzt nicht alles stoppen. "Wenn es Terroristen gelingt, mit einem Anschlag die ganze Welt lahm zu legen, dann haben sie doch gerade ihr Ziel erreicht", sagt einer, der nicht genannt werden will. Der Mönchengladbacher Nick Heidfeld hat sich ein Argument zu eigen gemacht, auf das die meisten Fahrer zurückgreifen: "Wenn selbst die amerikanische Cart-Serie am Lausitzring fährt - warum sollen wir dann unser Rennen absagen?" Allein Ralf Schumacher fand deutliche Worte: "Ich bin der Meinung, dass dieses Rennen nicht hätte stattfinden sollen."

In Monza wird also am Sonntag gefahren. Was zwei Wochen später beim nächsten Großen Preis geschehen wird, ist dagegen denkbar unsicher. Dann macht die Formel-1-Karawane Station in Indianapolis, wo am 30. September nach langer Pause wieder einmal der Große Preis der USA stattfinden sollte. Obwohl einiges für eine Absage spricht, deuten erste Äußerungen darauf hin, dass das Rennen nicht abgesagt wird. "Dass man auch noch mitten in den Herd hineinfliegt, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Das ist ein schlechter Witz. In Indianapolis waren im letzten Jahr 200 000 Zuschauer. Das ist unverantwortlich", schimpfte Ralf Schumacher. Der Rundkurs von Indianapolis könnte durchaus als Ziel neuer Anschläge gesehen werden. Und dann gibt es auch noch ein nicht zu unterschätzendes Logistikproblem. Schließlich muss jedes Team sein komplettes Equipment nach Amerika bringen - und das in der jetzigen Situation, da alle Fluggesellschaften sehr genau darauf achten werden, welches technisches Gerät sie zu befördern bereit sind.

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