Sport : Fortschritte in Richtung Olympia

Im Eiskunstlauf verbessern sich die Deutschen langsam – und eine Einbürgerung lässt sogar Träume von Medaillen in Turin reifen

Frank Bachner

Berlin - Am Ende ging Aljona Sawtschenko vor dem Publikum tief in die Knie, dann winkte sie lächelnd. Es sah so aus, als ob die ganze Anspannung von ihr abgefallen wäre. Jetzt konnte sie sich richtig freuen, jetzt war ihr letzter Wettkampf bei dieser deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaft vorbei. Sie hatte gerade in Berlin-Hohenschönhausen mit Robin Szolkowy den Titel im Paarlauf gewonnen. Es war keine fehlerfreie Kür, sie hatten den Wurfsalchow nur einmal statt dreimal gezeigt, aber das spielte kaum eine Rolle. Sawtschenko/Szolkowy waren zu überlegen gewesen bei dieser Meisterschaft, sie hatten den Titel eigentlich sicher. Aber Aljona Sawtschenko, in der Ukraine geboren, hatte noch am Donnerstag gesagt: „Ich kann mich erst richtig freuen, wenn alles vorbei ist.“

Für sie war schon am Donnerstag ein Traum in Erfüllung gegangen. Seit diesem Tag besitzt sie ein lange begehrtes Dokument: den deutschen Pass. Mit Robin Szolkowy darf sie jetzt bei den Olympischen Winterspielen in Turin starten. Darüber freut sich nicht nur Aljona Sawtschenko. Auch Reinhard Mirmseker gesteht: „Wir sind überglücklich.“ Mirmseker denkt auch an Strategie, wenn er von Sawtschenko/Szolkowy redet. Er ist der Präsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU), er kämpft um Sponsoren und TV-Präsenz, er braucht Vorzeigesportler. Und Sawtschenko/Szolkowy bilden den Kern der DEU-Strategie.

Konzentration auf den Paarlauf, das ist die Strategie. Im Paarlauf ist der Aufstieg in die Weltspitze am schnellsten möglich. Sawtschenko/Szolkowy laufen erst seit zwei Jahren zusammen, sind aber schon Weltranglistendritte. In Chemnitz soll ein Zentrum für Paarläufer entstehen. Praktischerweise trainieren Sawtschenko/Szolkowy schon dort. Sie sollen jetzt andere Paarläufer anlocken. „Und die sollen sich gegenseitig fordern“, sagt Mirmseker.

Es gibt wieder mehr Duos, die angeworben werden können, das ist die gute Nachricht für die DEU. In Berlin gingen vier Paare an den Start, 2001 gab es nur zwei. Aber hinter Sawtschenko/Szolkowy präsentierte sich in Berlin allenfalls Durchschnitt, das ist die schlechte Nachricht.

Es gibt halt doch nur kleine Fortschritte beim deutschen Eiskunstlauf. Aber immerhin, es gibt welche. Die Eistänzer William und Christina Beier haben sich in der Weltspitze etabliert, und in Berlin liefen drei Tanzpaare, eines mehr als bei der vergangenen deutschen Meisterschaft. Auch hinter dem 25 Jahre alten Stefan Lindemann aus Erfurt, dem WM-Dritten, der gestern in Berlin zum fünften Mal Deutscher Meister wurde, formieren sich hoffnungsvolle Talente. Die jungen Berliner Peter Liebers und Klemens Brummer, 17 und 19 Jahre alt, zum Beispiel. Sie besitzen Ausdruck, Dynamik und Selbstbewusstsein. Liebers wurde in Berlin Meisterschaftsdritter, Brummer Vierter. Und sogar von den Frauen, seit Jahren die größte Problemzone der DEU, gibt es – noch auf relativ niedrigem Niveau allerdings – gute Kunde. Die Konkurrenz an der Spitze ist größer geworden. Die ausdrucksstarke Annette Dytrt hat zwar trotz zweier Stürze wieder gewonnen, aber Christiane Berger aus Mannheim lag zumindest nach der Kurzkür vor der Münchnerin. Berger arbeitet seit 18 Monaten mit einem Psychologen an ihrer Nervenschwäche, seither stagniert sie wenigstens nicht mehr. Und mit Marietheres Huonker aus Ulm, der Dritten, ist eine Läuferin auf dem Eis, die nervenstärker wirkt als Dytrt und Berger. Aber ihr fehlt es noch an Ausstrahlung.

Und deshalb hielt sich Mirmsekers Freude in Berlin trotz Aljona Sawtschenkos neuem Pass in Grenzen. „Die schön laufen, haben mit den Sprüngen Probleme“, stöhnte er bei seinem persönlichen Fazit, „und diejenigen, die gut springen, können nicht laufen.“

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