Franck Ribéry : Der Verzauberer

Nach dem 4:0 des FC Bayern staunt die Republik gemeinsam mit Werder Bremen über Franck Ribéry.

Frank Hellmann[Bremen]
Ribéry
Gala-Vorstellung. Franck Ribéry in Bremen. -Foto: ddp

Es war eine Mixtur aus Entsetzen und Bewunderung, die in manch’ Dauerkartenbesitzer von Werder Bremen fuhr. Der gemeine Tribünengast auf der Südtribüne ist zwischen 50 und 60 Jahre alt, geht seit gefühlten drei Jahrzehnten ins Weserstadion und hat sie alle gesehen: Diego Maradona und den SSC Neapel in den Achtzigerjahren, Ruud Gullit und Marco van Basten beim AC Mailand in den Neunzigern. Und in der Neuzeit den FC Barcelona mit Ronaldinho und Messi. Der Prototyp des Bremer Stammzuschauers weiß also aus eigener Anschauung, wie große Fußballkunst funktioniert. Aber hatte er so etwas schon erlebt, was sich da am Samstagnachmittag vor seinen Augen abspielte? Auf der Bühne Bundesliga, die für ihre Alltagskost berüchtigt ist?

Speziell die 79. Minute bei der 0:4-Lehrstunde gegen den FC Bayern München lieferte einen dieser so rar gewordenen magischen Momente. Nach einer Ecke landete der abprallende Ball bei Franck Ribéry, der zog das Spielgerät mit seinem grünen Schuh an, als sei ein Magnet implantiert, dann lupfte er den Ball kurz an, so dass Widerpart Christian Schulz ein fürchterliches Luftloch trat. Danach ging alles rasend schnell. Spurt, Überzahl, Konter, Kombination, Luca Toni zu Hamit Altintop. 0:3 (79.). „Das war riskant, weil es am eigenen Strafraum geschah. Aber es war der richtige Moment, weil Werder am Boden lag“, sagte der Franzose zu seinem Geniestreich. Und der Trick? „Der hat keinen Namen“, sagte Ribéry und grinste. Ein Gedankenblitz, der in jedem Saison-Rückblick erscheinen wird, eine Situation, die endgültig das bayrische Ensemble in Zauberer verwandelte.

So wollte auch die Welle vor der mitgereisten Anhängerschaft gar nicht enden. Mittendrin Ribéry. Wo seine Landsleute Bixente Lizarazu und Willy Sagnol Monate, Jahre zur Adaption an eine andere Liga und eine fremde Sprache benötigen, passt sich der in Boulogne-sur-Mer am Ärmelkanal geborene Dribbelkünstler in wenigen Wochen an. „Ich kann hier sein, wie ich bin, meine Späße machen und gut Fußball spielen“, sagte er. Unfassbar manche Finten und Finessen in seinem Tun – und damit sind nicht die Streiche abseits des Platzes gemeint, Lukas Podolski Zahnpasta auf die Klinke zu schmieren oder Daniel van Buyten die Socken aufzuschneiden. Mit ihm hat auch das Münchner Fußballspiel ein Überraschungsmoment, das die Mitspieler berauscht. „Ihm zuzuschauen, ist ein Genuss“, urteilt Oliver Kahn, der derzeit beschäftigungslose Kapitän.

Beim FC Bayern überschlagen sie sich mit Lobeshymnen für den teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte. Doch wenn Ribéry so weiter wirbelt, ist er jeden Cent der 25 Millionen Euro Ablöse und des Jahresverdienstes von acht Millionen Euro wert. Mitspieler Mark van Bommel wähnt ihn auf dem Weg „zum besten Spieler der Welt“, Trainer Ottmar Hitzfeld pries ihn als „Glücksfall“. Hitzfeld sagte: „Er ist technisch perfekt, laufstark, es passt menschlich. So viel Spaß wie er im Training verbreitet, so sehr zerreißt er sich auf dem Platz.“ Es scheint, als spiele der rasante Ausnahmekönner in einer anderen Liga. Er ist nur selten zu fassen, beschleunigt aus dem Stand wie ein 100-Meter–Sprinter. Seine Position erscheint beliebig: Vor der verletzungsbedingten Auswechslung von Miroslav Klose tummelte sich Ribéry mit Vorliebe auf der linken Flanke, um dann zentral einzuwirken.

Nicht umsonst hatte er die meisten Ballkontakte (78), nicht zufällig leitete er die Kontertore zum 2:0 und 3:0 ein. Und rotzfrech hatte natürlich er den Elfmeter zum 1:0 verwandelt (31.). „Ich wusste, dass der Torwart in die Ecke springt. Beim nächsten Mal lasse ich mir was anderes einfallen.“ Das ist das Auffällige bei dem nur 1,72 Meter großen Mann: Er handelt intuitiv und tut dabei stets das Richtige. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass er sich immer schon durchkämpfen musste: In der Jugend nach seinem Autounfall, der sein Gesicht verunstaltete; als Jungprofi, weil die Karriere weder von langer Hand geplant noch vorgezeichnet war. Noch vor vier Jahren verdingte er sich als Drittligaprofi in Alès und schaffte nebenbei auf der Straßenbaustelle mit der Schaufel in der Hand. So etwas prägt.

Nun liegt ihm Fußball-Deutschland zu Füßen: Ribéry, der wegen seiner algerisch-stämmigen Frau Wahiba zum Islam konvertierte, wohnt mittlerweile im Millionärsviertel in München-Grünwald, bald kommt das zweite Kind und darauf verspürt er genauso viel Vorfreude wie aufs nächste Spiel. „Ich fühle mich sehr wohl in München. Das beflügelt mich alles sehr“, erklärte er. So als wolle er sagen: Ich kann noch viel mehr. Aber das können die meisten Stammbesucher in Bremen gar nicht glauben.

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