Sport : Frau unter harten Kerlen

STEFAN LÖFFLER

Judit Polgar liefert weder Skandale noch GlanzresultateVON STEFAN LÖFFLER DORTMUND.Im Schach hat man genau drei Chancen, in die Medien zu kommen: Man gewinnt ein großes Turnier, man wird Weltmeister oder man heißt Polgar.Der vor 15 Jahren schon einsetzende Zirkus um die drei schachspielenden Schwestern aus Budapest hat ein wenig nachgelassen, aber nicht ganz.Zsusza (27), die älteste, ist Schachlehrerin in New York geworden, Zsofia (22) lebt mit mit einem Großmeister in Israel.Heute konzentriert sich der Rummel auf Judit (20), die jüngste und stärkste.Beim achten Interviewwunsch, den sie ausschlug, hat der Sprecher der Dortmunder Schachtage Mitte der Woche aufgehört zu zählen.Judit Polgar wollte sich auf das Turnier konzentrieren, das gestern zu Ende ging. Es sind ja auch immer dieselben Fragen.Gibt es biologische Gründe, warum Jungen besser Schach spielen als Mädchen? Nein, glaubt sie nicht.Es sei eher eine Frage der Persönlichkeit.Kann sie Weltmeister werden? Weiß sie nicht.Sie will so stark werden wie möglich.Warum spielt sie nicht gegen Frauen? Hat sie doch schon tausendmal erklärt.Ist keine Herausforderung.Sie ist die Nummer 14 der Welt, die nächstbeste Frau nicht mal unter den Top 100. Judit Polgar ist keine Puppe, die alles mitmacht.Als sie einem langgelockten deutschen Fernsehtalker vor Jahren eine Einladung in seine Show abschlug, verbreitete der, sie hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten.Unfaire Angriffe kamen aber auch aus der Schachszene selbst.Von einem alternden Großmeister, der ihr Spiel als "Kaffeehaus-Schach" abtat.Von einem Weltmeister, der sie einen "trainierten Hund" nannte.Von einer englischen Schachjournalistin, die in ihr Buch über die Polgars laut Judit mehr Lügen als Wahrheiten packte.Und von einem ungarischen Großmeister, der Dinge sagte, daß ihn ihr Vater wegen übler Nachrede verklagte und Recht bekam.Die Kritik wäre nie so ausgeartet, sagt Judit Polgar, wären sie nicht Mädchen sondern Jungen. Dabei haßt sie Skandale und öffentliche Abrechnungen genauso wie das primadonnenhafte Benehmen einiger Großmeister.Einmal berührte ein Weltmeister gegen sie einen Springer und zog dann regelwidrig eine andere Figur.Sie reklamierte nicht, obwohl es ihr den Punkt eingebracht hätte.Sie besaß nur die Frechheit, den Vorfall weiter zu erzählen.Woraufhin der Weltmeister sich nicht etwa entschuldigte, sondern sie beschimpfte.Bei ihrem Turniersieg 1994 in Madrid mit anderthalb Punkten Vorsprung auf neun starke Großmeister, dem wohl besten Resultat ihrer Karriere, liefen ihre Gegner nach Niederlagen reihenweise davon.Dabei gehört die gemeinsame Besprechung nach der Partie zum Ritual.Derlei Brüche der Etikette sind inzwischen aber selten geworden. Judit Polgar ist keine Primadonna.Was sie unterschied von ihren Mitspielern auf der Bühne des Dortmunder Opernhauses, war allein der Schnitt ihrer Kleider.Daß Schachspielerinnen notorisch als hübsch bezeichnet werden, zeigt nur, wie wenig die Presse von dem Spiel versteht.Polgar hat es lieber, wenn die Begeisterung aus ihren Zügen wächst.Sie ist stärker im Angriff als in der Defensive.Sie liebt das Risiko und den Kampf.Ihr Sieg gegen den Briten Nigel Short aus der dritten Runde war die wohl schönste Partie des Turniers. Nach fünf Runden stand sie auf Platz zwei.Dann ging es gegen den späteren Sieger Wladimir Kramnik, neben Anand und Kasparow einer ihrer drei Angstgegner, die sie "the tough guys", die harten Kerle, nennt.Sie verlor und wurde am Ende Fünfte.Macht nichts.Man(n) schreibt trotzdem über sie.

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