Frauenfußball : Zwischen Boom und Dorfsportplatz

Der Euphorie blieb aus: Seit dem WM-Titel 2003 erlebte der Frauenfußball einen moderaten Aufschwung.

Daniel Meuren[Mainz]
Pokalfinale Foto: dpa
Frankfurts Wunderlich und Künzer im Pokalfinale. -Foto: dpa

Als Nia Künzer Deutschland 2003 mit ihrem Golden Goal per Kopfball gegen Schweden zum Weltmeister machte, schienen die deutschen Fußballerinnen kurzzeitig emanzipiert. Die damals arg kriselnde Männer-Nationalmannschaft musste ernsthafte Konkurrenz in der Publikumsgunst fürchten. Mehr als zehn Millionen Zuschauer verfolgten am 12. Oktober 2003 das Endspiel am heimischen Fernseher. Kühne Optimisten erwarteten anschließend einen Frauenfußball-Boom in Deutschland.

„Die damaligen kühnen Erwartungen haben sich natürlich nicht alle erfüllt, weil sie unrealistisch waren“, sagt die 27 Jahre alte Künzer heute, kurz vor Beginn der nächsten, im September beginnenden Weltmeisterschaft in China. „Die Frauen-Nationalmannschaft hat tatsächlich einen riesigen Schritt nach vorne gemacht, sie wird viel stärker wahr genommen als früher, jedes Spiel ist live im Fernsehen zu sehen. In der Bundesliga hat sich aber nicht allzu viel verändert.“ Noch immer sind selbst die Spiele der Spitzenteams 1. FFC Frankfurt, Turbine Potsdam oder FCR Duisburg alleine den jeweiligen Heimatzeitungen einen Bericht wert. Außer beim Pokalfinale schaffen es die Klubmannschaften mit Kurzberichten höchstens einmal in die Dritten Programme. „Das kann ich aber auch weitgehend verstehen, weil die Bundesliga nur sehr wenige Top-Spiele bietet und viele Vereine zudem auf einem unattraktiven Dorfsportplatz kicken, wo man im Bildhintergrund die Kühe grasen sehen kann“, sagt Künzer, die ihre Nationalmannschaftskarriere zwischenzeitlich nach ihrem vierten Kreuzbandriss beendet hat und nur noch für ihren Klub 1. FFC Frankfurt kickt.

Anschubhilfe auf dem Weg zu einer professionelleren Struktur im Vereinsfußball sollen die Frauen nun ausgerechnet aus dem Lager der Männer erhalten. Neuerdings interessieren sich mehrere Traditionsvereine erstmals wirklich für das weibliche Geschlecht. Die bereits mit ihren Frauenteams erstklassig kickenden Klubs wie Bayern München, der Hamburger SV oder VfL Wolfsburg scheinen plötzlich den Ehrgeiz zu entwickeln, die bisherige Mittelmäßigkeit verlassen zu wollen.

War bisher der vierte Platz die beste Abschlussplatzierung der Bayern-Frauen, so investierte der Klub nun mit dem Kauf der 19 Jahre alten italienischen Nationalmannschafts-Kapitänin Carolina Pini in eine große Nachwuchshoffnung. Der VfL Wolfsburg zählte in den vergangenen Jahren zu den aktivsten Klubs auf dem Transfermarkt und zählt seine Frauen ganz offiziell zur Profiabteilung. Zudem werfen Vereine wie Werder Bremen und Schalke 04 erstmals ein Auge auf die weiblichen Talente ihrer Regionen. Während Schalke den Weg über eine Vereinskooperation mit einem Frauenklub aus Recklinghausen geht, durfte Werder dank einer Sondergenehmigung des Regionalverbands seine neugegründete Frauenmannschaft direkt in der Verbandsliga anmelden. „In vier Jahren wollen wir in der Zweiten Liga spielen, auf lange Sicht dann in die Bundesliga kommen“, sagt Werders Präsidiumsmitglied Klaus-Dieter Fischer. Dabei müssen die Bremer vorerst nicht durch großen Geldeinsatz den Erfolg erzwingen. Bereits die Ankündigung, dass der Klub eine Frauen-Abteilung ins Leben rufen werde, hat die Talente angelockt. Zum Sichtungstraining kamen 370 Fußballerinnen.

Siegfried Dietrich, als Manager des 1. FFC Frankfurt der „Uli Hoeneß des Frauenfußballs“, sieht der Herausforderung durch die finanzstarken Männerklubs gelassen entgegen. „Die werden nicht auf einmal Millionen investieren und uns etablierte Klubs so einfach verdrängen“, sagt Dietrich, der in Frankfurt das Bundesliga-Spitzenbudget von einer Million Euro verwaltet. „Ich sehe das vielmehr als eine Aufwertung des Wettbewerbs an. Im Ausland haben Klubs wie der Uefa-Cup-Sieger Arsenal London oder Olympique Lyon den Weg schon lange eingeschlagen und den Frauenfußball in ihren Ländern vorangebracht.“

Eine ähnliche Entwicklung erhofft sich auch DFB-Präsident Theo Zwanziger, ein bekennender und aufrichtiger Freund des Frauenfußballs. Nach Ansicht Zwanzigers braucht die Frauen-Bundesliga zumindest in manchen Städten noch Anschubhilfe durch die etablierten Männerklubs. Während in ländlichen Gebieten Frauenfußball gleichberechtigt neben dem Männerkick betrieben werde, gebe es mancherorts noch gewisse Vorbehalte. „Ich hoffe, dass wir durch eine erfolgreiche Bewerbung um die Frauen-WM 2011 wieder einen Schritt vorankommen“, sagt Zwanziger (siehe auch nebenstehendes Interview).

Dem stimmt auch Nia Künzer zu. „Die WM 2011 wäre sicherlich der Schub, der Frauenfußball in Deutschland auf die nächste Stufe bringen kann. Das Turnier würde sicher noch viel mehr bringen als das jetzige Engagement der Männerklubs.“

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