• Frauenrechte im Sport: Sie wollte im Iran zum Volleyball - jetzt sitzt sie im Gefängnis

Frauenrechte im Sport : Sie wollte im Iran zum Volleyball - jetzt sitzt sie im Gefängnis

Seit 1979 ist es Frauen im Iran verboten, zu Fußballspielen zu gehen, seit 2012 gilt das auch für Volleyballspiele. Die Iranerin Ghoncheh Ghavami demonstrierte im vergangenen Juni dagegen – seitdem sitzt sie im Gefängnis.

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Nur für Männer. Amir Ghafour gehört zum iranischen Team, das bei der Volleyball-WM in Polen derzeit überraschend stark spielt. Einheimische Frauen bekommen die Nationalhelden nur selten zu Gesicht
Nur für Männer. Amir Ghafour gehört zum iranischen Team, das bei der Volleyball-WM in Polen derzeit überraschend stark spielt....Foto: dpa

Am 20. Juni wollte die Iranerin Ghoncheh Ghavami in Teheran ein Volleyballspiel sehen. Man muss dazusagen, dass es ein Männer-Volleyballspiel war, Weltliga, Iran gegen Italien, 3:0. Das Ergebnis dürfte Ghoncheh Ghavami nur aus der Zeitung erfahren haben.

Sie stand vor und während des Spiels mit einem Dutzend Gleichgesinnter vor dem Azadi-Stadion und protestierte dagegen, dass Frauen im Iran nicht bei Männer-Volleyballspielen zugelassen sind. Anschließend ging die Polizei laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen die Demonstranten vor, Ghoncheh Ghavami wurde geschlagen und über den Boden geschleift. Nach mehreren Stunden Haft kam sie zwar frei, doch als sie zehn Tage später ihr konfisziertes Mobiltelefon in der Hafteinrichtung Vozara abholen wollte, wurde sie erneut verhaftet. Bis heute sitzt Ghoncheh Ghavami in Haft, lange Zeit sogar in Einzelhaft. Dabei wollte sie nur, dass Frauen Volleyballspiele sehen dürfen.

Man sollte ihre Geschichte kennen, wenn am Mittwoch (20.25 Uhr, live im Internet bei sportdeutschland.tv) bei der Volleyball-Weltmeisterschaft in Polen in der dritten Runde die deutschen Männer auf den Iran treffen. Sonst würde man es für ein ganz normales Volleyballspiel halten. Es ist ja auch sportlich für beide Teams ein äußerst bedeutsames Spiel, es geht um den Einzug ins WM-Halbfinale.

Man solle Ghavami sogar gedroht haben, sie würde nicht lebendig aus dem Gefängnis herauskommen

Deutschland wird von Georg Grozer durchs Turnier getragen, der Iran hat sich durch eine beeindruckende Teamleistung in die Runde der letzten sechs gekämpft. „Volleyball ist im Iran nach Fußball die populärste Mannschaftssportart“, sagt Kaweh Niroomand. Der Manager des amtierenden Deutschen Volleyballmeisters BR Volleys ist mit zwölf Jahren aus dem Iran geflüchtet und verfolgt das sportliche Geschehen in seiner Heimat seitdem mit großem Interesse.

Ghoncheh Ghavami
Ghoncheh GhavamiFoto: Twitter

„Die iranische Liga ist sehr stark“, sagt Kaweh Niroomand, „es werden dort sehr gute Gehälter bezahlt.“ Er hat das gerade am eigenen Portemonnaie erfahren, als er offiziell zwei iranische Nationalspieler anfragte. „Da wurden Preise aufgerufen, die bezahle ich hier für zwei oder drei meiner Spieler“, sagt Kaweh Niroomand, „da können nur die Ligen in Italien, Polen und Russland mithalten.“ Seit dem Engagement des argentinischen Trainers Julio Velasco zählt das Nationalteam auch zur erweiterten Weltspitze. „Das ist ein überragender Trainer“, sagt Kaweh Niroomand. „Der Iran hat schon vor der WM große Mannschaften geschlagen, zum Beispiel Italien.“

Italien? Das Spiel vom 20. Juni ist auch der Anlass dafür, warum Ghoncheh Ghavami bis zum heutigen Tag im Gefängnis sitzt. Amnesty International hat eine „Urgent Action“ für sie ins Leben gerufen, um sie aus dem Gefängnis freizubekommen. Sie sei während der Einzelhaft psychisch unter Druck gesetzt worden, berichtet die Menschenrechtsorganisation. Man solle ihr sogar gedroht haben, sie würde nicht lebendig aus dem Gefängnis herauskommen. Weil sie auch einen britischen Pass besitzt, ist inzwischen auch das britische Außenministerium alarmiert.

Wer den Widersinn öffentlich hinterfragt, wird im Iran dieser Tage bestraft

Seit der Gründung der Islamischen Republik 1979 ist es Frauen verboten, zu Fußballspielen zu gehen, seit 2012 gilt das auch für Volleyballspiele. „Das diskriminierende Zuschauerverbot sei im eigenen Interesse iranischer Frauen, um sie vor dem lüsternen Verhalten der männlichen Fans zu schützen“, berichtet Amnesty International. Doch es gibt widersprüchliche Meldungen über die Einhaltung des Verbots.

In der Praxis scheint es nicht für alle Frauen zu gelten. „Ich habe auf Bildern aus dem Iran gesehen, dass das gesamte Kampfgericht von Frauen besetzt war“, sagte Kaweh Niroomand. Auch UN-Sport-Sonderbotschafter Willi Lemke berichtete dem Tagesspiegel von einem Besuch im Iran: „Ich war mit 12 000 anderen in der großen Halle beim Volleyball, und es gab da sehr wohl Frauen.“ Allerdings seien es nur maximal 100 gewesen und nur sehr wenige iranische. „Ich habe deutsche Frauen aus der Botschaft gesehen und Frauen in Funktionen, Kampfrichterinnen unten auf dem Feld, Journalistinnen auf der Pressetribüne“, berichtete Willi Lemke.

Genau das scheint auch der Anlass für den Protest beim Italien-Spiel gewesen zu sein. In der Vorwoche gegen Brasilien durften zwar brasilianische Frauen in die Halle, iranische aber nicht, berichtet Amnesty.

Doch wer diesen Widersinn öffentlich hinterfragt, wird im Iran dieser Tage bestraft. Wie Ghoncheh Ghavami. Ihre Mutter hat sich inzwischen mit einem Appell auf Facebook an die Öffentlichkeit gewandt: „In deiner Abwesenheit habe ich mich wieder und wieder gefragt, warum und für welches Verbrechen sie mich nun seit 74 Tagen der Gelegenheit berauben, dein strahlendes Gesicht zu sehen.“ Mit dieser Frage steht sie alles andere als allein.

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