• French Open: Mary Pierce verlängert das Paris-Trauma von Hingis und steht im Finale gegen Conchita Martinez

Sport : French Open: Mary Pierce verlängert das Paris-Trauma von Hingis und steht im Finale gegen Conchita Martinez

Jörg Allmeroth

Mary Pierce hat die French-Open-Leidensgeschichte von Martina Hingis im neuen Jahrtausend um ein traumatisches Kapitel bereichert: Knapp zwölf Monate nach der spektakulären Endspielniederlage gegen Steffi Graf verlor die Schweizer Weltranglistenerste das spannungsgeladene Halbfinalduell gegen die französische Lokalmatadorin mit 4:6, 7:5, 2:6. "Das war mein schönster Tag im Tennis", sagte die von 15 000 Zuschauern stürmisch gefeierte Pierce, die am Sonnabend zum zweiten Mal nach 1994 die Chance hat, ihren ersten Heimtitel zu gewinnen. Endspielgegnerin von Pierce ist nicht überraschend die German-Open-Siegerin Conchita Martinez. Die 28-jährige Spanierin sicherte sich den ersten Finaleinzug in Paris mit einem 6:1, 6:2-Erfolg über ihre schwächelnde Landsfrau Arantxa Sanchez-Vicario. "Ein Traum ist wahr geworden", sagte die Weltranglistenfünfte Martinez nach dem überdeutlichen Ausgang des innerspanischen Reizduells.

Favoritin für die French-Open-Krone ist nach der formidablen Show gegen Hingis aber das "neue nationale Tennis-Idol Mary Pierce" ("Figaro"). Vor sechs Jahren war die exzentrische Tennisdiva noch auf dem Weg zum French-Open-Ruhm und zum ersten französischen Triumph im Stade Roland Garros seit Françoise Durr im Jahr 1967 an Arantxa Sanchez-Vicario gescheitert. "Nun werde ich Frankreich endlich den Titel schenken", versprach die 25-Jährige, die nach sieben demütigenden Niederlagen gegen Martina Hingis diesmal über genügend Nervenstärke und Leidenschaft verfügte, um die Machtverhältnisse auf dem Court Central umzukehren. "Mary war eindeutig die bessere Spielerin", gestand Hingis später, "ich hatte heute nicht viel zu melden."

Von einem French-Open-Komplex wollte die 19-jährige Hingis aber nichts wissen: "Das ist Unsinn. Ich habe noch viele Jahre in Paris vor mir und werde sicher eines Tages gewinnen." Die Niederlage sei "alles andere als ein Weltuntergang", sagte Hingis, "es gibt Schlimmeres, als ein Grand-Slam-Halbfinale zu verlieren." Die erfolgreichste Tennisspielerin der letzten Jahre richtete schon Minuten nach dem Aus den Blick wieder nach vorn, nach Wimbledon: "Das ist das Schöne im Tennis. Man hat gleich wieder ein neues Ziel vor Augen."

Im Gegensatz zum Fehlschlag gegen Steffi Graf vor zwölf Monaten befand sich Martina Hingis nach der schnell verspielten 3:1-Führung im ersten Satz in einer permanenten Verteidigungsposition. Im Schlaggewitter des Pierce-Powertennis hetzte die Schweizerin meist vergeblich an der Grundlinie auf und ab und konnte kaum mehr tun, als die Bälle mit letzter Kraft ins Feld zurückzubringen. Allerdings waren auch die konditionellen Schwächen der Nummer eins in der Welt unübersehbar, die frühzeitig Ermüdungserscheinungen zeigte und später auch noch unter Krämpfen litt.

Schon nach einem 0:1-Satzrückstand und einem 4:5 im zweiten Durchgang schien das Schicksal von Hingis besiegelt zu sein. Doch beim ersten Matchball flatterten Mary Pierce die Nerven - die Französin jagte den Ball aus unbedrängter Position meterweit ins Aus. Der schwere Irrtum genügte, um Pierce für einige Minuten aus dem Konzept und Hingis noch einmal auf verblüffende Weise zurück ins Spiel zu bringen. Doch selbst der Satzausgleich aus dem Nichts konnte der Martina Hingis von gestern nicht helfen; ihr fehlte einfach körperliche und mentale Stärke, um zum dritten Mal nach 1997 und 1999 ins letzte French-Open-Duell einzuziehen. Im dritten Satz verlor die müde und matte Hingis vorentscheidend ihr Aufschlagspiel zum 1:3. Das nächste Break bei 2:5-Rückstand war schon das letzte für Hingis, die ihren Traum vom Sieg in Paris wieder einmal vertagen musste.

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