Sport : Frieren im Regen

Die sechste Etappe der Deutschland-Tour wird vom schlechten Wetter bestimmt – Iglinski gewinnt

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Jan Ullrich war es anzusehen, dass ihn der Dauerregen allmählich nervt. „Langsam tut es weh“, sagte der TMobile-Kapitän. Auch die sechste Etappe der Deutschland-Tour präsentierte sich in gewohntem Gewand: Es regnete unaufhörlich. Nur einen störte das schlechte Wetter gestern nicht: Maxim Iglinski. Der 24 Jahre alte Kasache aus der italienischen Mannschaft Domina Vacanze gewann den Tagesabschnitt von Friedrichshafen am Bodensee nach Singen am Hohentwiel nach 171,3 Kilometern. Im Spurt einer neun Fahrer großen Spitzengruppe ohne einen deutschen Fahrer stürmte Iglinski aus dem Windschatten des Belgiers Jurgen van der Broeck vom Team Discovery Channel auf den letzten fünfzig Metern zum Sieg. Der Sprinter und deswegen Favorit in dieser Gruppe, der Italiener Alessandro Ballan, wurde nur Dritter.

Nach 105 Kilometern, bei der Sprintwertung nach der ersten von zwei Abfahrten vom Singener Hausberg Hohentwiel, hatten sich die Ausreißer zusammengefunden. Da keiner der Flüchtigen das Gelbe Trikot bedrohte – der Italiener Guido Trentin war dem Spitzenreiter Levi Leipheimer mit knapp acht Minuten noch am nächsten –, hatten sie in dem schlechten Wetter freie Fahrt. Das Peloton rollte zwei Minuten später durchs Ziel, darin befand sich auch der genervte und frierende Jan Ullrich.

Auch heute muss sich der Deutsche wieder auf Regen einstellen. Die 177,7 Kilometer lange Fahrt von Singen durch den Schwarzwald auf den 1270 Meter hohen Feldberg ist so etwas wie die deutsche Königsetappe nach dem Gletscher-Spektakel in Tirol. Gerolsteiner gegen T-Mobile, Levi Leipheimer und Georg Totschnig gegen Jan Ullrich, heißt das Duell. Dem Amerikaner im Gelben Trikot und seinem österreichischen Teampartner geht es nicht nur darum, den Vorsprung von 56 beziehungsweise 38 Sekunden zu verteidigen, sondern möglicherweise noch auszubauen für ein besseres Polster vor dem 31-km-Zeitfahren von Ludwigshafen nach Weinheim am Montag.

„Wir werden es versuchen“, sagte Leipheimer und meinte mit verschmitztem Lächeln: „Vielleicht kommt Georg im Schwarzwald weg und gewinnt dann die Rundfahrt.“ Doch für realistischer hält er die andere Variante: „Vielleicht ist Jan am Sonntag so stark, dass wir nichts gegen ihn machen können.“ Der T-Mobile-Kapitän hat denn auch seinen Angriff im Schwarzwald angekündigt, um den Rückstand vor dem Zeitfahren zu minimieren. „Das ist meine alte Trainingsstrecke. Da kenne ich jeden Meter“, sagte Ullrich. Weiter legte er sich nicht fest. Nach den Wetterprognosen wird es wieder regnen. „Ist mir egal“, sagte Ullrich trotzig. Vor dem Schlussanstieg steht den drei Führenden des Gesamtklassements noch ein anderer Berg der ersten Kategorie im Weg, der 1116 Meter hohe Notschrei 21 Kilometer vor dem Ziel.

Wer auch letztlich immer in Bonn gewinnen wird, eines steht jetzt schon fest: Gerolsteiner ist gegenüber T-Mobile die mit Abstand bessere, aktivere und auffälligere Mannschaft. Sieg auf dem Gletscher, Gelbes Trikot, rotgepunktetes Bergtrikot, ständig in Aktion und im Fernsehen – dagegen bleibt T-Mobile sehr blass und wäre ohne Ullrich, trotz Erkältung, gar nicht im Bild.

Das Mannschaftsergebnis am Vortag in Friedrichshafen müsste der sportlichen Leitung eigentlich einen kleinen Schock versetzt haben: T-Mobile wurde Zwanzigster und Vorletzter. Auch die Gesamtwertung wird von Gerolsteiner angeführt. T-Mobile ist als Zehnter fast eine halbe Stunde zurück. Bei der Tour de France hatte das Team diese Wertung sogar gewonnen. Nach Alexander Winokurow gab gestern zudem auch noch Stephan Schreck auf. Jetzt kann nur Jan Ullrich das Gesamtergebnis von T-Mobile noch retten: Wenn er am Dienstag vor der Telekom-Konzernzentrale in Bonn in Gelb auf dem Siegerpodest steht.

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