Sport : Früher war nicht alles besser

Herthas Mannschaft hat den Weggang ihres Spielmachers Marcelinho erstaunlich gut verkraftet

Ingo Schmidt-Tychsen[Marbella]

Januar 2006. Marcelinho hängt lässig in einem überdimensionierten Sessel der Lobby eines Luxushotels in Marbella. Es ist Pause zwischen zwei Einheiten im Winter-Trainingslager des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, der Brasilianer stellt sich der Berliner Presse, und als es eigentlich nichts mehr zu fragen gibt, übernimmt Marcelinho die Initiative: „Schalke ist ein interessanter Verein“, sagt er, und ja, er könne sich auch vorstellen, dort zu spielen, denn bei Hertha BSC wolle er eigentlich nicht bleiben. Vier Wochen zuvor hatte der Brasilianer noch das genaue Gegenteil behauptet.

Januar 2007. Sofian Chahed sitzt in derselben Lobby, nur ein paar Schritte entfernt von der Stelle, an der Marcelinho vor genau einem Jahr seine Affinität zu Schalke offenbart hat. Der Brasilianer hat den Verein im Sommer verlassen und spielt jetzt bei Trabzonspor in der Türkei. „Ohne Marcelinho ist manches einfacher“, sagt der 23 Jahre alte Chahed. „Es gibt nicht mehr so viele Themen, und deshalb ist es viel ruhiger. Das ist wichtig für die Mannschaft und den Zusammenhalt.“

Für Herthas Manager Dieter Hoeneß waren Marcelinhos unerwartete Sympathiebekundungen im Januar 2006 der Auslöser dafür seinem Spielmacher nur noch eine letzte Chance zu geben. Noch in Marbella legte er in einer Besprechung fest: „Entweder Marcelinho zeigt sich verändert – oder er muss gehen.“ Marcelinho änderte sich nicht, kam zehn Tage zu spät zum Trainingsauftakt im Sommer und wurde verkauft.

Zum ersten Mal seit 2001 spielten die Berliner nun eine komplette Hinrunde ohne Marcelinho. In seinen fünf Jahren bei Hertha hatte der Brasilianer sowohl die interne Torjägerliste als auch die der Vorlagengeber angeführt. Trotzdem spielt die Mannschaft in dieser Saison auf einem fast identischen Level, sie steht auf dem fünften Platz in der Bundesliga. „Es ist doch immer so, wenn ein wichtiger Spieler geht, übernehmen andere die Verantwortung. Daran habe ich nie gezweifelt“, sagt Hoeneß. „Insgesamt hat Marcelinho natürlich unheimlich viel geleistet für Hertha. Aber sein letztes Jahr war nicht sein bestes.“

Inzwischen scheint der Spielaufbau sogar weniger verkrampft als mit Marcelinho. Sein Landsmann Gilberto, der bei Hertha auf der linken Außenbahn spielt, erklärt sich das so: „In der Spieleröffnung haben wir instinktiv immer nach Marcelinho geschaut, selbst wenn es eine bessere Anspielmöglichkeit gab.“ Sofian Chahed ergänzt: „Wenn Marcelinho gerufen hat, habe ich ihn sofort angespielt.“

Marcelinhos Mitspieler hofften, dass er das Spiel für sie entscheiden würde, mit einer genialen Aktion, einem Pass, einem Dribbling, einem entscheidenden Schuss. „Auf dem Platz war es natürlich wichtig für uns zu wissen, dass wir so einen haben“, sagt Chahed. Inzwischen hat die Mannschaft einen anderen Spieler, der diese Funktion erfüllt. „Wir haben Marko Pantelic“, sagt Chahed. Der serbische Nationalspieler erzielte in der Hinrunde zehn Tore, seit Michael Preetz hat das kein Angreifer mehr geschafft bei Hertha. Nicht einmal Marcelinho.

Pantelic strahlt immer Torgefahr aus. Wie Marcelinho fordert auch er in fast jeder Situation ein Zuspiel, häufig bekommt er es auch. Der Unterschied ist, dass Pantelic die Bälle weiter vorne annimmt – das Mittelfeld ist dann schon überbrückt. Pantelic betont, großen Respekt vor Marcelinho zu haben. Kritisieren will er seinen ehemaligen Kollegen nicht, er beschreibt einen der Gründe für seinen Leistungssprung in dieser Hinrunde so: „Marcelinho und ich sind eigentlich keine klassischen Stürmer. Er ließ sich häufig ins Mittelfeld zurück fallen, ich manchmal. In dieser Saison spiele ich mit Christian Gimenez, der ein totaler Strafraumstürmer ist, das funktioniert ganz hervorragend.“ So hat der Argentinier Gimenez in der Hinrunde fünf Tore geschossen auf einer Position, auf der sich vor einige Spieler nicht durchsetzen konnten. Weder der Brasilianer Luizao, noch Fredi Bobic oder Artur Wichniarek.

„Als ich in Wolfsburg Trainer war, habe ich Marcelinho aus dem Spiel genommen, und Hertha war besiegt“, hat Herthas ehemaliger Trainer Jürgen Röber einmal gesagt. Vielleicht könnte Hertha dieses Wissen um Marcelinhos Spielweise schon bald nützlich werden – der 31 Jahre alte Brasilianer ist beim VfL Wolfsburg als Verstärkung für die Rückrunde im Gespräch. Hertha startet am 27. Januar mit einem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg.

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