Sport : Frust am Steuer

Fehlersuche im deutschen America’s-Cup-Team

Andreas Kling[Valencia]

Unter ohrenbetäubendem Hupen verließ die America’s-Cup-Armada gestern Mittag den spanischen Hafen von Valencia, wo die vorentscheidenden Rennen für den Halbfinaleinzug im Louis Vuitton Cup der Herausforderer anstanden. Nur die „Germany I“ blieb in der Halle, denn das deutsche Segelteam hatte ein Freilos. Vor den beiden letzten Duellen heute gegen die Franzosen und morgen gegen +39 aus Italien waren im deutschen Basislager die erfolglosen Wochen noch einmal im Gespräch. „Wir wünschen uns nichts sehnlicher als endlich einen Sieg“, sagte der Hamburger Grinder Henning Sohn, „dafür wollen wir noch mal alles geben.“ Obwohl das Team schon seit drei Wochen durcharbeitet, verzichtete sie nochmals auf die dringend notwendige Freizeit. Umfangreiche Wartungsarbeiten und Materialchecks von A bis Z standen auf dem Programm.

Und in den Büros wurde hinter verschlossenen Türen einmal mehr beraten, wie es mit der Kampagne in punkto nächster America’s Cup weitergehen soll. Nach 16 klaren Niederlagen bei nur zwei Siegen gegen die chancenlosen Chinesen fällt es der Projektleitung im Team Germany immer schwerer, dem desolaten Abschneiden noch Positives abzugewinnen. „Wir hatten die Ziele schon zurückgeschraubt und dennoch verfehlt“, gibt der unzufriedene Syndikatschef Michael Scheeren aus Wallmerod zu. Zuletzt geriet sogar der achte Platz unter elf Mannschaften außer Reichweite.

Die Verantwortung für den enttäuschenden Auftritt hat Skipper Jesper Bank zu tragen, der bis zuletzt uneingeschränktes Vertrauen genoss und nicht nur die Personalpolitik bestimmte. Kritiker wie der Technische Direktor Eberhard Magg aus Friedrichshafen wurden in den Hintergrund gedrängt. Scheeren wolle Bank „in die Planungen einbeziehen“, schließlich hat der hoch bezahlte Steuermann als Einziger bis Ende des Jahres einen Vertrag, alle anderen laufen im Juni aus. Der 50-Jährige solle „seine Vorstellungen darlegen“, obwohl er nüchtern betrachtet kaum noch zu halten sein dürfte. Bank selbst sieht seine Zukunft anders: „Team Germany ist ja so was wie mein Baby. Ich könnte mir verschiedene Rollen vorstellen und muss auch nicht steuern.“

Verstärkungen müssen für die nächste Kampagne geholt werden, das weiß auch der Syndikatsboss, doch in der internationalen Szene hat sich herumgesprochen, wie eigensinnig Bank das Team geführt hat und dadurch ins Schlingern brachte. „Jesper ist verbrannt, unter ihm will doch kein Guter mehr segeln“, sprechen nicht nur Karol Jablonski, deutsch-polnischer Steuermann bei den Spaniern, oder der Hamburger Cockpitmann der Südafrikaner, Tim Kröger, offen aus, was viele denken. Selbst im eigenen Team stehen nur noch seine engsten Mitstreiter zu Bank, so sehr hat er das Gros der deutschen Cup-Novizen, aber auch die erfahrenen ausländischen Kräfte verärgert.

Auf dieser Grundlage ist es beinahe müßig, davon zu träumen, dass der dreimalige Olympiasieger Jochen Schümann als Sportdirektor des Schweizer Cupverteidigers Alinghi einen Wechsel in seine Heimat anstrebt. Die ARD wollte in ihrer vorerst letzten Liveübertragung aus Valencia von Deutschlands Segellegende Willy Kuhweide wissen, ob er sich Bank und Schümann in einem Boot vorstellen könne. Der Berliner Kommodore des Deutschen Challenger Yacht Clubs, dem offiziellen Herausforderer, verneinte ehrlich. Ein deutlicheres Zeichen für die Notwendigkeit eines radikalen Neuanfangs hätte es kaum geben können.

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