Sport : „Für mich tat sich eine Leere auf“

Bundestrainer Joachim Löw über die Zeit nach der WM und seinen Abschied von Jürgen Klinsmann

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Herr Löw, was schenken Sie Jürgen Klinsmann zu Weihnachten?

Gute Frage, ich weiß es nicht. Ich werde mir schon noch etwas einfallen lassen. Aber wir werden uns in diesem Jahr ohnehin nicht mehr sehen.

Klinsmann wird jetzt doch nicht Trainer der USA. Inwiefern verfolgen Sie die jüngste Entwicklung Ihres Vorgängers?

Wir reden selten über Fußball. Jetzt haben wir ja die Zeit, über andere, private Dinge zu reden. Vor ein paar Tagen hat er mir erzählt, wie der Stand der Dinge mit dem amerikanischen Verband ist. Er war sich nicht sicher. Es ging unter anderem um Abstellungsprobleme von Spielern.

Würden Sie sagen, Jürgen Klinsmann ist Ihnen ein Freund geworden?

Wir kannten uns kaum, als er mich im Sommer 2004 anrief. Als Spieler sind wir uns mal über den Weg gelaufen und später, als ich schon Trainer in Stuttgart war und er noch bei den Bayern spielte. Ein bisschen besser kennengelernt haben wir uns in Köln bei der Trainerausbildung. Aber engen Kontakt hatten wir nie. Wenn er nicht eine ähnliche, offensive Spielphilosophie vertreten hätte wie ich, wäre für mich ein Arbeitsverhältnis nicht infrage gekommen, auch nicht beim DFB, auch nicht bei der Nationalmannschaft. Ich wäre unglücklich geworden. Aber so bin ich ihm dankbar, dass er mich angerufen hat.

In dem WM-Film gibt es eine Szene nach dem Sieg über Argentinien. In der Kabine kauern Sie in einer Ecke und haben feuchte Augen. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?

Ich kann mich gut erinnern. Das war für mich die emotionalste Situation der WM. Vor dem Argentinienspiel war eine unglaubliche Spannung da, und dann kam noch die Dramaturgie des Spiels hinzu. Es hat sich doch zugespitzt bis zum letzten Elfmeter. Mein Gott, wir hatten einen Topfavoriten gestürzt. Im ersten Moment war die Freude unbeschreiblich groß gewesen. Emotionen kamen raus, ich habe mich richtig nach außen hin gefreut. Und irgendwann, vielleicht eine Stunde später, wollte ich zur Ruhe kommen. Ich habe mich in eine Ecke gesetzt und nachgedacht über dieses Spiel.

Weil mit dem Erreichen des Halbfinals die WM für Deutschland ein Erfolg war?

So habe ich nicht gedacht. Wir hatten schon in der Vorrunde die Menschen begeistert. Es war einfach die Freude, nach einer doch recht langen Zeit eine Mannschaft wie Argentinien geschlagen zu haben. Und dann war da das Gefühl, dass wir noch dabei sind, dass wir weiterhin die Chance haben, Weltmeister zu werden – das war das Schönste.

Wie viel WM steckt noch in Ihnen?

Schwierig zu sagen. Meine bewussten Gedanken gehen nach vorn, also Richtung EM-Qualifikation und Europameisterschaft 2008. Aber ich muss manches Mal an die WM zurückdenken. In mir kommen Bilder hoch, Gespräche, einzelne Szenen. Ich habe mir im September unsere WM-Spiele in Ruhe angeschaut. Ich wollte sie rein fachlich analysieren. Das war gar nicht so einfach. Immer wieder kamen Gefühle hoch. Es braucht Zeit, die WM emotional zu verarbeiten. Ich bin mir nicht sicher, ob das einem von uns so richtig schon gelungen ist.

Was muss passieren, damit Sie die WM emotional verarbeiten?

Wahrscheinlich müsste ich mir dafür eine Auszeit nehmen. Aber die Chance hat sich für mich nicht ergeben. Jürgen Klinsmann ist zurückgetreten, und ich wurde gefragt, ob ich mir diese Aufgabe zutraue. Ab diesem Moment ging es für mich nahtlos weiter. Meine ersten Gedanken waren: Was passiert ab jetzt, was ist zu tun?

Mussten Sie den Bundestrainer Löw neu erfinden?

Nein, denn in meiner Arbeit mit der Mannschaft hat sich nicht viel geändert. Ich hatte zwei Jahre lang Verantwortung gefühlt. Was sich verändert hat, ist die stärkere Medienpräsenz und die größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Die Öffentlichkeit hat bis heute den WM-Sommer nicht verdaut.

Merkwürdig, was? Es war alles so geballt, es gab starke Gefühlsschwankungen. Das war ja verrückt, was wir in diesem Turnier durchlebt haben. Erst das Polenspiel, wo wir in der letzten Minute das Tor schießen. Ich denke an das Klassespiel gegen Schweden. Dann gegen Argentinien, ein Spiel, das wir im Elfmeterschießen gewinnen. Und dann Italien, das Halbfinale, das wir kurz vor dem Elfmeterschießen verlieren. Wir waren am Boden. Aber mit Portugal kam ein neues Highlight, das Spiel um den dritten Platz. Wir fliegen nach Stuttgart, und da empfangen uns 20 000 Menschen vor dem Hotel. Am nächsten Tag stehst du in Berlin, wo eine Million am Brandenburger Tor feiert. Das war alles faszinierend, aber konnte gar nicht so bewusst wahrgenommen werden. Das ist wie ein Film an einem vorbeigelaufen.

Herr Löw, wann stand eigentlich fest, dass Jürgen Klinsmann aufhört?

Ich muss Sie vielleicht enttäuschen, erst ganz spät. Am Abend des WM-Finals haben wir uns im Schwarzwald zurückgezogen. Da hat er uns erstmals mitgeteilt, dass er wieder zurück möchte, zu seiner Familie in die USA.

Haben Sie das nicht früher gespürt?

Nein. Wir haben es nie thematisiert, die ganzen zwei Jahre nicht, erst recht nicht während der WM. Er hat sich nie geäußert, weder dem Trainerstab gegenüber noch den Spielern. Es war abgesprochen: Wir spielen dieses Turnier bis zum letzten Pfiff, und dann reden wir.

Sie haben nie über die Zeit nach der WM gesprochen?

Wir beide haben uns einmal zu Beginn des Jahres darüber unterhalten. Uns ging es darum, die Spielphilosophie für die Zeit danach beim DFB zu installieren. Dabei habe ich ihn mal gefragt: Jürgen, gibt es bei dir schon eine Tendenz? Er sagte: Nein, eigentlich nicht. Ich lass das mal auf mich zukommen. Ich möchte mal sehen, wie sich alles auf mich auswirkt. Wie ich die WM erlebe, ob ich dann die Kraft habe, weiter zu machen. Ich habe okay gesagt. Ich habe damals gespürt, dass er für sich selbst wirklich keine Entscheidung getroffen hatte.

Haben Sie nach seiner Entscheidung versucht ihn umzustimmen?

Ich habe ihn nach seinen Beweggründen gefragt, und ob er sich sicher ist. Es war zu sehen, dass ihn das alles emotional sehr berührt hat, aber es war dann auch schnell alles klar, als er es ausgesprochen hatte. Wer den Jürgen kennt, der weiß, dass er eine Entscheidung, die er trifft und mitteilt, nicht widerruft.

Und plötzlich spürten Sie, dass die ganze Sache auf Sie zuzulaufen schien?

Wir haben im Schwarzwald über ein paar Dinge gesprochen, über einige Spieler und deren Entwicklung. Irgendwann hat er dann zu mir gesagt, dass er jetzt mal seine Entscheidung dem DFB mitteilen will. Eine halbe Stunde später rief mich dann Herr Zwanziger an und fragte, ob wir uns einmal unterhalten könnten.

Hat Sie nicht abgeschreckt, wie sehr ein Bundestrainer unter Beobachtung steht, wie schnell er sich verbrauchen kann?

Ich weiß, wie viel Energie das braucht. Ich musste mir ganz schnell ein besseres Zeitmanagement zulegen. Man darf nicht zu lange arbeiten, sondern qualitativ gut. Vor allem musste ich lernen, auch mal Anfragen abzulehnen.

Wäre es für Sie denkbar gewesen, mit Klinsmann als Chef in ein anderes Land weiterzuziehen?

Nein, obwohl wir in dieser Konstellation gut zusammengearbeitet haben.

Haben Sie Entzugserscheinungen?

Während der WM gab es Momente, da sehnte ich mich danach, mal wieder andere Leute zu sehen. Aber unmittelbar nach der WM tat sich für mich eine Leere auf. Plötzlich fehlten mir auch Leute aus unserem Tross, von denen ich das nicht annahm. Mit der WM endete eine ganz besondere Zeit. Das hat mich sehr berührt.

Inwiefern hat Sie Klinsmann geprägt?

Ich glaube, wir haben gegenseitig voneinander profitiert. Jürgen hat eine klare Sichtweise, wie er Dinge umsetzen will. Und er hat eine große Energie, diese Dinge voranzutreiben. Es gibt aber andere, die mich mehr geprägt haben.

Zum Beispiel?

Rolf Fringer. Bei ihm war viel Strategie und Taktik im Spiel. Ich habe viel aus eigenen Erfahrungen gelernt, aus den Fehlern, die ich gemacht habe. Und aus den Hospitationen im Ausland. Das ist wie ein Puzzle, das sich zusammengesetzt hat. Ich habe mir ein Gesamtbild erarbeitet. Es lässt einem dann vieles klarer erscheinen. Ich weiß jetzt, wie ich mit meiner Philosophie zum Ziel kommen kann, wie man mit ansehnlichem Fußball erfolgreich spielen kann. Ich kenne jetzt Lösungen. Ich weiß, wie eine Mannschaft spielen sollte, was man dafür tun muss. Heute erkenne ich relativ schnell Fehler im Spiel einer Mannschaft und kann sagen, wie man sie beheben muss.

Wo muss sich Ihre Team verbessern?

Gerade nach der WM hat die Mannschaft bewiesen, dass eine gewisse Stabilität und Stilsicherheit vorhanden sind. Es gab keinen Bruch nach der WM, die Mannschaft hat das Selbstbewusstsein mitgenommen in die EM-Qualifikation. Aber wir müssen uns im körperlichen Bereich noch einmal ein Stück entwickeln. Wenn ich an den ersten Leistungstest im Jahr 2004 denke: Da waren wir teilweise erschrocken. Wir haben die Basis gelegt, ein Turnier mit Niveau und Tempo spielen zu können.

Wo steht die Mannschaft heute im internationalen Vergleich?

Ich denke, dass wir uns Richtung Spitze geschoben haben. Wir sind in der Lage, gegen jede Mannschaft auch spielerisch einen guten Eindruck zu hinterlassen. Mit den jungen Spielern wie Lahm, Schweinsteiger, Podolski und Mertesacker haben wir so etwas wie eine goldene Generation. Wir können ein Spiel gestalten, es dominieren. Die Spieler müssen verinnerlichen, welches System wir spielen. Danach werden sie beurteilt und nicht danach, was ihr Vereinstrainer will. Wenn die Spieler bei uns sind, haben sie unsere Vorgaben zu erfüllen. Wir sagen ganz klar: Wir wollen das von dir sehen. Die Mannschaft ist relativ jung, sie braucht diese stete und klare Forderung. Unser Ziel ist es, dass wir dazu dauerhaft in der Lage bleiben.

Nach dem WM-Jahr wird 2007 ein vergleichsweise emotionsloses Jahr werden.

Ich glaube nicht, dass 2007 so emotionslos wird, wenn man bedenkt, welchen Stellenwert die Nationalmannschaft bei den Menschen wieder hat. Wenn wir heute ein öffentliches Training abhalten, dann kommen da mehrere tausend Leute. Selbst normale Testspiele sind ausverkauft. Das war schon lange nicht mehr so. Wir sind es permanent den Fans schuldig, dass wir gute Spiele abliefern.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

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