Sport : „Furcht spielt eine große Rolle“

Der Stabhochspringer Lars Börgeling über Adrenalinsucht, Feierfreude und Doping

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Herr Börgeling, genießen Sie es, als neue deutsche Hoffnung im Stabhochsprung gehandelt zu werden und im Rampenlicht zu stehen?

Noch werden mir von Mädels keine BHs auf die Laufbahn geworfen. Und es stand auch noch niemand bei mir vor der Tür oder hat mich mit Anrufen belästigt. Klar kriege ich mal Briefchen mit Telefonnummern oder kleinen Präsenten… Bisher lebt es sich aber gut damit. Das öffentliche Interesse an meiner Person ist zwar noch ungewohnt und manchmal stressig, andererseits aber auch schön. Ich versuche, die Erwartungen zu erfüllen, ohne mich unter Druck zu setzen.

Wie hoch sind diese Erwartungen für die EM?

Ich möchte die 5,90 Meter überspringen und auf jeden Fall eine Medaille. Der Titel wäre natürlich schön.

Das klingt optimistisch.

Eine Medaille ist nicht bescheiden. Auch wenn ich mit zum Favoritenkreis gehöre, so bin ich doch noch eher Außenseiter. Der Druck lastet mehr auf den alten Hasen wie Tim Lobinger. Die Spitze liegt bei uns sehr eng beieinander. Jeder will oben mitspringen. Dazu braucht man einfach auch Glück.

Und keine Angst?

Sicher, Furcht spielt eine große Rolle. Sie springt immer mit. Dieses Jahr gab es in den USA drei Tote, das zeigt, wie gefährlich die Sportart ist. Man sollte um die Gefahr wissen, aber man muss den Respekt beim Springen auch unter Kontrolle haben. Bei mir funktioniert das ganz gut, ich bin ein sehr nervenstarker Typ und von Natur aus locker. Das war schon als Kind so. Meine Mutter erzählt da immer eine Geschichte…

Lassen Sie hören.

Das war bei einer Wanderung in den Alpen. Ich war damals sechs oder sieben. Aus einer tiefen Schlucht wuchs ein Baum heraus. Ich wollte mich darauf fallen lassen, mich an einen Ast hängen. Meine Mutter hat mich im letzten Moment zurückgezogen.

Sie sind ja ein Draufgänger.

Vor allem ein Adrenalin-Mensch. Ich würde zum Beispiel gerne öfter Fallschirmspringen, das habe ich mal probiert, oder Bungee-Jumpen. Aber dazu ist im Moment einfach zu wenig Zeit. Noch steht der Stabhochsprung im Vordergrund.

Wie fruchtbar ist in Ihrer Sportart das Miteinander in Teamgeist und Rivalität?

Wir wären ohne die Konkurrenz innerhalb der deutschen Mannschaft nicht da, wo wir heute sind. Da wir letztlich alle das Gleiche können, darf man sich nie auf seinen Lorbeeren ausruhen. Die anderen sind einem immer auf den Fersen. Natürlich steht im Wettkampf der Sport im Vordergrund, aber selbst dort helfen wir einander und geben uns Tipps. Auch privat sind wir gut befreundet.

Es war aber nicht immer so idyllisch.

Es gab da vor einem Jahr diesen Eklat um Tim Lobinger, als er nicht für die WM in Edmonton nominiert wurde. Tim hat sich für seine Äußerungen entschuldigt. Heute, würde ich sagen, ist keiner mehr nachtragend. Das ist ja auch das Schöne an diesem Sport: Wir sind eine Gruppe, und nicht nur wir, sondern die ganze Stabhochsprungszene. Eine Ausnahme in der Leichtathletik. Wir machen weiter Party, wenn die Letzten ins Bett gehen oder ziehen noch los in eine Disco. Diese Mentalität hat mich schon immer fasziniert.

Also sind Sie auch ein Luftikus?

Ich liebe das Leben schon und brauche meine Freizeit als Ausgleich und Ruhepol zum Leistungssport. Man muss beides in Einklang bringen und darf es nicht zu wild treiben. Nachdem ich vor drei Jahren zum ersten Mal die 5,80 Meter übersprungen hatte, habe ich eine Zeitlang heftig gefeiert und das Training vernachlässigt. Ich dachte, die 5,90 Meter kommen von allein. Damit bin ich dann aber ganz schön auf die Schnauze gefallen. Es geht darum, seine eigene Individualität auszubilden und die eigene Linie finden.

Über die Selbstinszenierung?

Sport ist immer auch irgendwie Showbizz. Und das tut gerade der Leichtathletik gut. Natürlich ist es sehr viel wichtiger, durch Leistung zu überzeugen, aber die Selbstinszenierung nach außen gibt es als Zugabe.

Leistung kann auch anderweitig gesteigert werden. Etwa durch Doping. Kürzlich wurde die britische Stabhochspringerin Janine Whitlock positiv auf ein anaboles Steroid getestet.

Janine ist der erste mir bekannte Dopingfall im Stabhochsprung. Ich glaube, bei unserem Sport ist das noch kein so großes Problem, da die Sportart sehr viel auf Technik beruht, und die kann man sich eben nicht andopen. Klar macht man sich seine Gedanken, aber es bringt ja auch nichts, einfach so Verdächtigungen auszusprechen. Für jeden der deutschen Stabhochspringer würde ich auf alle Fälle meine Hand ins Feuer legen.

Das Gespräch führte Natalie Greß.

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