Fußball-Bundesliga : Warum so viele Elfmeter vergeben werden

Die Elfmeterquote in der Bundesliga ist niedrig wie lange nicht. Ein Sportpsychologe hält das nicht für Zufall. Noch werde ein enormes Potenzial verschenkt.

Über den Spann gerutscht. Mit seinem Fehlschuss gegen Augsburg hat Charles Aranguiz zu der desolaten Elfmeterstatistik von Bayer Leverkusen beigetragen.
Über den Spann gerutscht. Mit seinem Fehlschuss gegen Augsburg hat Charles Aranguiz zu der desolaten Elfmeterstatistik von Bayer...Foto: imago/Sven Simon

Roberto Baggio feierte vor einer Woche seinen 50. Geburtstag – und in den medialen Würdigungen waren sie natürlich wieder, die Erinnerungen an 1994. Das WM-Finale in den USA, das Elfmeterschießen, der Schuss in die Wolken über Pasadena – Brasilien wird Weltmeister und Baggio die tragische Figur. An dem ehemaligen Weltfußballer lässt sich die undankbare Natur von Strafstößen gut veranschaulichen. In seiner Karriere hat der Italiener in Ligaspielen 83 Elfmeter geschossen und 68 davon verwandelt. Damit liegt er deutlich über der durchschnittlichen Erfolgsquote, die Studien zufolge bei etwa 75 Prozent liegt. Fallen die zwei Worte Baggio und Elfmeter, denkt jedoch jeder an diesen einen verunglückten Schuss. „Elfmeter vergeben nur diejenigen, die den Mut haben, sie zu schießen“, sagte Baggio damals.

Roberto Baggio nach seinem Fehlschuss im WM-Finale 1994.
Roberto Baggio nach seinem Fehlschuss im WM-Finale 1994.Foto: Oliver Multhaup/dpa

Das gilt auch mehr als 20 Jahre später und mehrere Tausend Kilometer entfernt in der Bundesliga. Dass die Profis in dieser Saison der Mut verlassen hat, ist unwahrscheinlich, die Erfolgsquote bei Elfmetern ist aber außergewöhnlich schlecht. Schon nach dem 21. Spieltag wurde am vergangenen Wochenende mit 18 vergebenen Strafstößen der Wert aus dem Vorjahr erreicht. Gab es 2015/16 aber insgesamt 86 Elfmeter und damit eine Erfolgsquote von 79 Prozent, ist diese in dieser Spielzeit bei 55 Schüssen auf 67 Prozent abgestürzt. Das ist nur unwesentlich mehr als in der Negativ-Rekord-Saison 1978/79. „Gewisse Schwankungen gab es schon immer“, sagt Georg Froese. Der ehemalige Union-Spieler hat zum Thema „Sportpsychologische Einflussfaktoren der Leistung von Elfmeterschützen“ promoviert und mehrere Bundesligisten beraten.

Torhüter sind besser vorbereitet als Schützen

Nur durch Zufall und statistische Schwankungen lasse sich das Ergebnis aber nicht erklären. „In den vergangenen Jahren hat es sich in der Bundesliga durchgesetzt, dass sich die Torhüter gezielt auf Elfmeter vorbereiten“, sagt Froese. Die Möglichkeiten dazu seien durch Videoanalysen sowie detaillierte Statistiken mittlerweile deutlich besser als früher.

Während dieses Potenzial durch viele Torhüter seit Jahren – und für die Öffentlichkeit am offensichtlichsten 2006 durch den legendären Zettel von Jens Lehmann im Elfmeterschießen gegen Argentinien – erkannt und genutzt wird, ist dies laut Froese bei den Feldspielern nicht der Fall. „Die Schützen haben noch nicht reagiert und das ist auch ein Grund dafür, dass die Quote sinkt“, sagt er.

Ein Extremfall ist Bayer Leverkusen. 2015/16 verwandelten Hakan Calhanoglu, Javier Hernandez und Lars Bender sieben von acht Strafstößen und gehörten damit zu den treffsichersten Schützen. In dieser Saison sind es für Bayer wettbewerbsübergreifend vier Treffer bei zwölf Schüssen. Bei einer solchen Verschlechterung ist die Psychologie der wohl entscheidende Faktor. Misslingen die ersten Versuche, steigt der Druck und es kann eine Negativspirale entstehen. „Wenn man keine Gegenmaßnahmen ergreift, kann das eine Eigendynamik entwickeln“, sagt Froese. Das bekannteste Beispiel für diesen Effekt ist die englische Nationalmannschaft.

Jeder Elfmeter sei einen Punkt Wert

Das mit dem Gegensteuern ist jedoch gar nicht so einfach. Der Schuss an sich lässt sich einfach trainieren, ist aber nur eine Komponente beim Elfmeter. „Klar, wenn man mit 100 km/h in den Winkel schießt, ist der Ball drin, aber nach 86 Minuten in einem kräftezehrenden Spiel sieht die Sache ein bisschen anders aus“, sagte Bayer-Trainer Roger Schmidt nach einem von Hernandez verschossenen Strafstoß im Dezember.

Froese plädiert dennoch für gründliches Training in simulierten Drucksituationen. Das sei beispielsweise durch körperliche Erschöpfung oder eine Verknappung der Zeit möglich. Dass Elfmetern im täglichen Training so wenig Zeit gewidmet wird, ist für Froese unverständlich. Nach einer von ihm aufgestellten, nicht wissenschaftlichen Berechnung sei jeder Strafstoß in der Bundesliga etwa einen Punkt Wert – und damit viel Geld. „Da wird noch ein enormes Potenzial vernachlässigt“, sagt Froese.

Mindestens genauso wichtig wie gezieltes Training sei jedoch eine kluge Auswahl der Schützen. „Die Passung aus Persönlichkeit und fußballerischen Fähigkeiten ist entscheidend“, sagt Froese. Als Schlüsselmerkmal hat der Sportpsychologe die sogenannte Wettkampfängstlichkeit ausgemacht. Damit wird beschrieben, wie stark ein Sportler in Drucksituationen mit körperlichen Angstsymptomen wie Schweiß, erhöhtem Puls oder verstärkter Ausschüttung von Adrenalin reagiert. Je niedriger die Wettkampfängstlichkeit, desto eher eignet sich ein Spieler als Elfmeterschütze.

Schüsse in die obere Torhälfte sind fast immer drin

Daher plädiert Froese auch dafür, als Trainer bewusst in die Auswahl des Schützen einzugreifen. „Viele Verantwortliche denken bei Elfmetern immer noch, dass schon irgendwie alles gut wird“, sagt Froese. Bestimmt der Trainer den Schützen selbst, nehme er den Spieler zudem etwas aus der Verantwortung.

Auf die gute Vorbereitung der Torhüter können die Schützen theoretisch relativ einfach reagieren: Mit einem Schuss in die obere Hälfte des Tores. Denn hier liegt die Trefferquote dem Statistiker Roland Loy zufolge bei 99 Prozent. Die Gefahr, das Tor zu verfehlen, steigt jedoch ebenfalls – das musste Roberto Baggio schmerzlich erfahren.

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