Fußball : „Das ist Schwachsinn“

Autor Hill redet von verschobenen WM-Spielen. Doch Profi-Wetter bezweifeln Manipulationen

Frank Bachner

Berlin - Dirk Paulsen denkt und denkt, dann fährt er doch den Computer hoch. Er setzt jedes Wochenende rund 100 000 Euro auf fünf Dutzend Fußballspiele, er hat nicht jede Kursentwicklung im Kopf. Paulsen drückt ein paar Tasten, dann runzelt er die Stirn. Er sieht die Kurse von Brasilien – Ghana, Fußball-WM 2006, Achtelfinale. Brasilien gewann 3:0.

Brasilien war klarer Favorit, und der Kurs auf einen Sieg des Favoriten mit zwei oder mehr Toren Unterschied lag bei 1,97. Dann sank er auf 1,83. „Das ist schon eine mächtige Bewegung für ein WM-Spiel“, brummt der 50-Jährige. Der Kursverfall bedeutet, dass viel Geld auf einen klaren Sieg von Brasilien gewettet wurde. Verdächtig viel? Nahm jemand einen unattraktiven Kurs in Kauf, weil er wusste, dass er gewinnen würde?

Brasilien gegen Ghana, das ist eines der vier WM-Spiele, die möglicherweise manipuliert waren. Der kanadische Autor Declan Hill, der das globale System der Wettbetrüger beschreibt, hat dieses Spiel erwähnt. „Trotzdem: Die Kursentwicklung allein bei dieser Partie ist noch kein sicheres Indiz“, sagt Paulsen. „Ich möchte sogar sagen: Es ist für mich trotz allem kein Hinweis, dass hier manipuliert wurde.“ Im Computer erkennt er, dass er sogar selber gespielt hat. Das ist für ihn ein Beleg dafür, dass die Kurse nicht verdächtig seltsam waren. Paulsen hatte 13 000 Euro auf einen klaren Sieg von Brasilien gesetzt, bei einem Kurs von 1,90. Er gewann 11 700 Euro.

Paulsen drückt sich in die Lehne seines Bürostuhls. Er denkt wieder, es geht um schwierige Fragen. Wird selbst auf der Bel Etage des Fußballs manipuliert? Bei einer WM? In der Champions League? Paulsen sagt: „Ich bin ziemlich sicher, dass eine WM sauber ist, aber ausschließen möchte ich nichts.“ Auch bei der Champions League hat er Zweifel. Aber es geht ihm wie Hill. Er kann nichts beweisen. Hill hat nur die Aussage eines asiatischen Wettpaten, Paulsen hat sein Bauchgefühl. „Das sagt mir: Finger weg. Etwa, wenn ich bestimmte Vereine höre oder Kursbewegungen sehe.“

Wer versucht, Hills Aussagen – sofern sie nicht durch Geständnisse bewiesen sind –, mit Hilfe von Wettprofis zu belegen, scheitert. Doch Paulsen genügt sein Bauchgefühl. Nach dem WM-Spiel Ukraine - Tunesien hatte er ein schlechtes Gefühl. Die Ukraine gewann trotz schwacher Leistung 1:0. Paulsen hatte auf Tunesien gesetzt. „Der Schiedsrichter hat ein Tor von Tunesien und mindestens einen Elfmeter gegen die Ukraine nicht gegeben“, sagt er. Der Schiedsrichter, eine zentrale Figur bei Manipulationen. Aber Ukraine - Tunesien erwähnt Hill nicht.

Und die Champions League? Da wird dem Profi aus Berlin bei Klubs aus Osteuropa „sehr unheimlich“. Osteuropa ist ein Reizwort unter Wettprofis. Hill beschreibt, wie in Russland Spiele verschoben wurden. „Der osteuropäische Fußball ist total versaut", sagt ein dänischer Wettprofi, der nicht genannt werden will. Asiatische Buchmacher hätten die ungarische Erste Liga gar nicht mehr im Angebot. Aber auch Rumänien, Ukraine, Polen, Tschechien, Bulgarien seien vermintes Gebiet, sagt der Däne.

Nur: Er redet von nationalen Ligen. Zur Champions League sagt er: „Die ist ziemlich sauber, wenn westeuropäische Mannschaften beteiligt sind. Nur wenn osteuropäische Teams spielen, bin ich etwas vorsichtig.“ Der Däne steht für die Probleme in einer Szene, die von Verdächtigungen und Gerüchten durchsetzt ist. Wem glaubt man? Der Däne sagt: „Bei einer WM wird nicht manipuliert. Um ein Spiel so zu manipulieren, dass es 3:0 ausgeht, müsste die halbe Mannschaft bestochen werden. Das ist doch Schwachsinn.“ In 19 von 20 Fällen werde mit Roten Karten und Elfmetern manipuliert. „Aber wenn zwei oder drei Spieler dabei sind, geht es schon schief.“ Weil das auffalle. Und überhaupt: Wie solle man Nationalspieler, die meist viel Geld verdienen, denn bestechen?

Die Bundesliga? „Da wird auch nicht manipuliert.“ Die Gehälter seien zu hoch, die angedrohten Strafen zu hart, die Kontrolle der Kurse inzwischen zu genau. Seine persönliche Gefahrenzone hat der Däne klar markiert: „Östlich von Berlin wird nicht gewettet.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar