Fußball : Der hanseatische Knoten

Beim Hamburger SV läuft derzeit überhaupt nichts, weder in der Bundesliga noch in der Champions League. Die Hanseaten arbeiten weiter an einem Vereinsrekord, auf den sie gerne verzichtet hätten.

Die 1:4-Niederlage in der Champions League beim FC Porto war für den Hamburger SV nun schon das 14. Pflichtspiel in Folge ohne Sieg. Das hat es in der 119-jährigen Geschichte des Traditionsvereins noch nicht gegeben. Die Vereinsführung übt sich unterdessen in Durchhalteparolen und steht zu Trainer Thomas Doll, dem beim Spiel am Dienstag in Portugal zeitweise auch nichts Besseres mehr einfiel, als den Kopf zu schütteln.

Trotz der inzwischen beängstigend langen Negativserie hat Doll Rückhalt bei den Fans. Der 40-Jährige, der den HSV vor zwei Jahren als Tabellenletzten übernahm und in diesem Jahr bis in die Champions League führte, trägt am wenigsten Schuld an der Krise. Darin sind sich alle Beobachter einig. Die so genannten "Mechanismen des Fußballgeschäfts" werden in diesem Fall nicht greifen. Thomas Doll wird nicht entlassen. Eher wird er selbst seinen Hut nehmen, wenn er merkt, dass er die Mannschaft nicht mehr erreicht. Von diesem Punkt ist Doll noch weit entfernt. Sagt er.

Ein Trainerwechsel beim Hamburger SV wäre in der derzeitigen Situation auch die absolut falsche Maßnahme. Was würde erreicht? Ist überhaupt ein besserer Trainer auf dem Markt? Auch ein neuer Coach müsste mit derselben Mannschaft arbeiten. Einer Mannschaft, der man den Kampfgeist nicht absprechen kann, aber der das Selbstvertrauen und Führungsfiguren auf dem Platz fehlen.

Kritik am Manager

Wo liegen die Gründe für die sportliche Talfahrt? Viel Kritik muss Manager Dietmar Beiersdorfer einstecken. Er habe Leistungsträger der erfolgreichen Mannschaft der letzten Saison ohne großen Widerstand ziehen lassen. Zunächst suchte Leitwolf Sergej Barbarez das Weite und fand es bei Bayer Leverkusen, wo man seinen Gehaltsvorstellungen offenbar weiter entgegenkam. Dann ging auch der oft unterschätzte Stefan "Paule" Beinlich, der im Mannschaftsgefüge eine wichtige Rolle spielte. Kurz vor Saisonbeginn brach dann auch die Innenverteidigung weg, die ein Garant des Erfolges war.

Hätte der HSV Daniel van Buyten und Khalid Boulahrouz überhaupt halten können? Natürlich nicht. Der eine wollte zu Bayern München, der andere zum FC Chelsea. Da konnten die Hamburger auch nach der starken letzten Spielzeit nicht gegenhalten, weder finanziell noch sportlich.

Wie gut sind die Neuverpflichtungen?

Der Kader sollte möglichst schnell wieder aufgefüllt werden, und vor allem im Sturm suchten die Hamburger nach Verstärkungen. Interessante Namen machten da die Runde: Patrick Kluivert, Ruud van Nistelrooy oder Milan Baros. Gekommen sind letztendlich bekannte Gesichter aus der Bundesliga: Die Bayern stellten Paolo Guerrero zur Verfügung, der in München gegen Makaay, Pizarro, Santa Cruz und Podolski ohnehin kaum mehr zum Zuge gekommen wäre. Vom Abstellgleis des VfB Stuttgart wurde Danijel Ljuboja rekrutiert, und von Absteiger Kaiserslautern kam Boubacar Sanogo. Insbesondere Sanogo ist ein junger Spieler mit viel versprechenden Anlagen, aber Champions-League-Reife lässt sich dem HSV-Angriff noch nicht bescheinigen.

Auch in der Defensiv-Abteilung schlugen die Hamburger zu. Mit Vincent Kompany und Juan Pablo Sorín wurden zwei große Namen verpflichtet. Kompany gilt als eines der größten Abwehrtalente in ganz Europa, und Sorín ist immerhin Kapitän der argentinischen Nationalmannschaft. Schaut man sich allein die Namen an, sollten die Neuzugänge die Abgänge eigentlich kompensieren können. Warum kommt die Mannschaft dann nicht in Tritt? Ist es wirklich nur die Zeit, die dem neu zusammengewürfelten Team fehlte und fehlt, um sich einzuspielen?

Rumpftruppe muss sich aus der Krise arbeiten

Zur Verunsicherung der Hamburger trägt sicherlich auch das große Verletzungspech bei. Auf einen Rafael van der Vaart kann der HSV nicht dauerhaft verzichten. Auch Guy Demel ist verletzt, Thimothee Atouba kehrte am Dienstag erst in die Mannschaft zurück. Und mit David Jarolim und Raphael Wicky fallen schon wieder zwei Spieler für mehrere Wochen aus.

Die Platzverweise, die sich beim HSV in den vergangegen Wochen häuften, werden auf unterschiedliche Weise interpretiert. Die einen behaupten, die Spieler seien undiszipliniert oder übermotiviert. Andere sehen in der Aggressivität, mit der zu Werke gegangen wird, ein Zeichen dafür, dass zumindest "Leben in der Mannschaft ist".

Die Gründe für die Talfahrt sind vielfältig. Einfache Lösungen scheint es nicht zu geben. Am kommenden Wochenende muss der Hamburger SV bei Bayer Leverkusen antreten. Vieles spricht dafür, dass sich die Negativserie noch weiter fortsetzt. Nach sieben Spieltagen steht der Bundesliga-Dinosaurier HSV auf einem Abstiegsplatz. Dort stand er auch vor zwei Jahren, bevor Thomas Doll ein Team formte, das zur Ligaspitze zählte und um die Meisterschaft mitspielte. Gelingt ihm dieses Kunststück noch einmal? Lässt man ihm die Zeit? Irgendwann muss der Knoten platzen, irgendwann geht jede Serie zu Ende. In Hamburg schlummert eine starke Mannschaft. Wird sie noch rechtzeitig wach? (Von Sven Malzahn, tso)

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