Fußball-Historie : Die Wunde von der Weser

Vor 20 Jahren unterlag der BFC Dynamo im Europacup in Bremen 0:5. Ein Spiel als Vorbote auf den Untergang der DDR.

Sven Goldmann
DDR
Flugkopfball. Werders Manfred Burgsmüller hechtet zum 4:0. -Foto: Imago

Am späten Nachmittag soll der Busfahrer langsam nervös geworden sein. Drei Stunden noch bis zum Spiel, und die jungen Herren in den weinroten Trainingsanzügen dachten gar nicht daran, ihren Einkaufsbummel abzubrechen. Hier noch eine Stereoanlage, dort noch einen Videorekorder, und wo waren noch mal die Farbfernseher?

Wir schreiben den 11. Oktober 1988. Die jungen Herren in den weinroten Trainingsanzügen redeten viel von Unterhaltungselektronik und wenig von dem Fußballspiel, weswegen sie eigentlich hergekommen waren und das sie noch hinter sich bringen mussten. Im Europapokal bei Werder Bremen, was soll’s, das Hinspiel hatte der BFC Dynamo 3:0 gewonnen, wird schon schiefgehen. Ist es dann auch, und wie! Die DDR hatte noch gut 13 Monate zu leben, da ging sie schon mal auf dem Rasen unter. 0:5 unterlag der BFC im Bremer Weserstadion. Ganz Europa lachte über die vom Ministerium für Staatssicherheit gehätschelten Ost-Berliner, die ähnlich demütig ihre Waffen streckten wie die Grenzsoldaten am 9. November 1989 auf der Bornholmer Brücke.

Genau 20 Jahre ist das jetzt her, und bis heute feiert Werder Bremen den Einzug in die zweite Runde des Europapokals der Landesmeister als „Wunder von der Weser“. Für den BFC-Trainer Jürgen Bogs war es spontan „die totale Scheiße“ und im Rückblick immerhin noch „eine einzige Katastrophe“. Rainer Ernst, der begnadet-schlampige Spielmacher mit den langen blonden Haaren, spricht heute „vom Tiefpunkt meiner Karriere“. Frank Rohde sieht das anders. „Sie müssen die Vorgeschichte bedenken“, sagt der ehemalige Berliner Kapitän , „eigentlich konnten wir nur verlieren.“

Diese Vorgeschichte des Wunders beginnt Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße. Im Ost-Berliner Grand Hotel, dem Quartier der siegessicheren Bremer. Vor dem Hinspiel dieses deutsch-deutschen Duells empfängt Trainer Otto Rehhagel Michael Jahn von der (Ost-)Berliner Zeitung zu Interview und Cognac. Manager Willi Lemke lädt den mit West-Devisen klammen Journalisten schon mal für das Rückspiel ein, auf Bremer Kosten in der Geschäftsstelle zu telefonieren. Die Onkels aus dem Westen sind nett und spendabel. Aber auf dem Platz, da wollen sie den Ossis (die 1988 natürlich noch keiner so nennt) zeigen, was richtiger Fußball ist.

Gespielt wird im Jahnsportpark (nicht mal einen Kilometer weit weg von der Bornholmer Brücke). Auf der Tribüne bejubeln Stasi-Chef Erich Mielke und der Ost-Berliner SED-Vorsitzende Günter Schabowski das 3:0 über Werder. Das klingt nach mehr Überlegenheit, als auf dem Platz zu sehen war. „Unser Torwart Bodo Rudwaleit hat an diesem Abend einfach alles gehalten“, erzählt Trainer Bogs, „und wenn nichts mehr ging, haben ihn die Bremer auf der Linie angeschossen.“ Am Ende aber steht ein Ergebnis von verführerischer Deutlichkeit. Alles andere als ein Weiterkommen wäre jetzt eine Blamage. Frank Rohde hat so Unrecht nicht. Der BFC kann in Bremen nur verlieren.

Erst einmal verabschiedet sich der Europapokal in die Olympiapause. Fünf Wochen verstreichen bis zum Rückspiel. Zeit genug für Werder, Depression in Adrenalin umzusetzen. Zu viel Zeit für den BFC, um dauerhaft vom unverhofft gewonnenen Selbstbewusstsein zu profitieren.

Jürgen Bogs will mit der Mannschaft zwei Tage vor dem Rückspiel nach Bremen fahren. Auf keinen Fall, entgegnet die Staatssicherheit. Seit sich 1983 die Nationalspieler Falko Götz und Dirk Schlegel bei einem Europapokalspiel abgesetzt haben, darf der BFC bei Reisen ins westliche Ausland nur noch einmal übernachten. Als am Montagmorgen um acht der Mannschaftsbus am Sportforum Hohenschönhausen vorfährt, sind die Stammplätze einiger Spieler schon besetzt. Frank Rohde erinnert sich an ungewohnt viele Mitreisende mit schwarzen Hosen und Schuhen, „daran hast du immer die Leute von der Stasi erkannt“.

In ihrer Kontrollwut haben die Herren von der Sicherheit den Vormittagsverkehr auf der Bundesautobahn vergessen. Kurz vor Hamburg steht der Bus zum ersten Mal im Stau, und als die Berliner Delegation endlich das Hotel Mercure erreicht, ist der von Bogs ausgearbeitete Zeitplan nicht mehr zu halten. Also streicht der Trainer den geplanten Einkaufsbummel. Ein paar Spieler legen sich mit den Herren in den schwarzen Hosen und Schuhen an. „Ihr seid doch alle nur zum Einkaufen hier, und was ist mit uns?“

Willi Lemke schaut im Hotel vorbei und regt eine Einkaufstour für den nächsten Tag an. „Das war ziemlich clever“, erinnert sich Rainer Ernst. „Stellen Sie sich das mal vor: Am Spieltag fahren wir mit dem Bus in ein Einkaufszentrum. Es dauert ewig, bis jeder seine Sachen zusammen hat, und draußen wartet der Bus.“ Auch Ernst hat einen Hifi-Turm im Gepäck, als es endlich ins Hotel zurückgeht. Jürgen Bogs macht seine Runde durch die Zimmer, und noch heute hat er vor Augen, wie Stürmer Frank Pastor auf dem Boden sitzt, seine Einkäufe sortiert und dem Trainer entgegenruft: „Jetzt kann ich mich aufs Spiel konzentrieren!“ Als der Bus 90 Minuten vor dem Anpfiff am Weserstadion vorfährt, ist er bis unters Dach mit Unterhaltungselektronik gefüllt.

Die Journalisten aus der DDR reisen mit der Bahn an. Michael Jahn fragt Willi Lemke nach dem zugesagten Telefon. Lemke blafft zurück: „Darum müsst ihr euch schon selbst kümmern!“ Die vor dem Hinspiel noch so liebenswürdigen Bremer ziehen andere Saiten auf. 22 000 Bremer brüllen den BFC nieder. Berliner Fans? Gibt’s nicht. Auch Schabowski und Mielke sind zu Hause geblieben, wo der Vorsitzende des Großen Volks-Churals der Mongolischen Volksrepublik aufs Herzlichste begrüßt werden will.

Auch die Spieler vom BFC werden begrüßt, allerdings nicht besonders herzlich. Werders Altstar Manfred Burgsmüller tritt gegen die Berliner Kabinentür und brüllt: „Kommt raus, ihr Feiglinge!“ So geht das im Spiel weiter, und nicht jeder Berliner geht damit so gelassen um wie Frank Rohde, für den „solche Psychospielchen nun mal dazu gehören“. Vom BFC sind nur die lila Leibchen zu sehen, von Ernst die blonden Haare und von den Wunderstürmern Thomas Doll und Andreas Thom überhaupt nichts. Der DDR-Meister erspielt sich in 90 Minuten eine einzige Chance, bei der Doll das leere Tor nicht trifft. Dafür treffen die Bremer aus allen Lagen. Michael Jahn berichtet seiner „Berliner Zeitung“ über das Telefon der „FAZ“ von einer „sehr schlechten und sehr kritikwürdigen Leistung“.

Kurz vor Mitternacht sitzen die Spieler schon wieder im Bus. In die Stille hinein sagt der Mittelfeldspieler Michael Schulz: „Mensch, Trainer! Da will ich gerade aufdrehen, und sie nehmen mich raus!“ Schulz hat den Platz beim Stand von 0:4 verlassen. Alles lacht, mal abgesehen von den Herren von der Sicherheit. Trainer Bogs muss sich am nächsten Tag beim DDR-Fußballverband rechtfertigen und wird mit einem Verweis bestraft. Die Spieler treffen sich abends bei Kapitän Rohde, der als psychologische Medikation reichlich Bier verordnet. Das nächste Spiel gewinnt der BFC 5:1 gegen Karl-Marx-Stadt, Doll schießt zwei Tore und Thom auch.

Der Potsdamer Forscher Giselher Spitzer behauptet später, beim Berliner 3:0 im Hinspiel hätten Amphetamine nachgeholfen. Dieses Risiko habe die Stasi beim Rückspiel nicht eingehen wollen und so den BFC in den Untergang geschickt. Rainer Ernst will das nicht ausschließen, „wir Nationalspieler hingen öfter am Tropf, denn die Belastung mit Spielen alle drei, vier Tage war sehr hoch“. Was über die Kanülen in die Venen floss, wissen nur die Ärzte. „Aber wenn wir im Hinspiel gedopt waren“, sagt Ernst, „dann möchte ich mal wissen, was die Bremer im Rückspiel bekommen haben. So aufgedreht, wie die über den Platz gelaufen sind.“

Ein Jahr nach dem BFC ging auch die DDR unter. Jürgen Bogs ist, nach zehn Meisterschaften in Folge, den Makel des Stasiclubtrainers nie losgeworden. Heute ist er 61, arbeitslos und wartet auf die Rente. Die Spieler trafen es besser. Neun der Versager von Bremen schafften es nach der Wende in der Bundesliga. Frank Rohde ging mit Thomas Doll zum Hamburger SV und betreut heute mehr als Hobby den Verbandsligisten Oranienburg. Rainer Ernst lebt als Geschäftsmann in Norderstedt und hat mit dem Fußball nichts mehr zu tun. Nach der Wende spielte er für Kaiserslautern, gleich im ersten Bundesligaspiel ging es gegen den HSV, gegen Doll und Rohde. Nach einer Viertelstunde gab es einen Elfmeter, und Ernst verwandelte ihn wie selbstverständlich zum ersten Saisontor, „ich bin hingerannt wie ein Verrückter, damit nur kein anderer schießt“. Am Ende der Saison war Kaiserslautern Deutscher Meister, und niemand mehr im deutschen Fußball hat Rainer Ernst einen Versager genannt.

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