Sport : Fußball-Nationalmannschaft: Budapester Frühling

Hartmut Scherzer

Die Augen Joseph Blatters leuchteten, als sei er gerade wiedergewählt worden. Da strahlte der Fußballfan im Fifa-Präsidenten nach dem so leichten und so unterhaltsamen 5:2-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über Ungarn am Mittwochabend in Budapest. Der Chef des Fußball-Weltverbandes schwärmte vom neuen deutschen Jugendstil unter dem Teamchef Rudi Völler, "weg vom alten Schema, nur laufen und kämpfen". Spaßfußball statt deutschen Tugenden.

Sebastian Deisler und Sebastian Kehl hatten es Joseph Blatter besonders angetan. Sie erinnerten ihn in ihrer frischen Art, den Ball anzunehmen und direkt laufen zu lassen, an "südamerikanische Künstler". "Deisler", begeisterte sich der Funktionär, "bewegt sich wie ein Brasilianer." Zweieinhalb Wochen vor dem wohl entscheidenden WM-Qualifikationsspiel am 1. September in München gegen England hat der Euphoriker Blatter die deutsche Mannschaft in den Himmel gehoben.

Rudi Völler bleibt lieber auf dem Boden, so sehr auch den Teamchef "die tollen Kombinationen", das "gute Spiel über eine Stunde" und die "nicht alltäglichen fünf Tore auswärts" freuten. "Gegen England sieht das alles ganz anders aus, unabhängig, wer dann bei uns auf dem Platz steht." Aber, fügte Völler hinzu, es sei "angenehm, mit einem Erfolgserlebnis in ein so wichtiges Spiel zu gehen."

Bei aller durchaus berechtigten Begeisterung: Die Ungarn waren nur ein netter Gastgeber. Ein Sparringspartner, der keinem richtig wehtut und lieber einsteckt als austeilt. Der ideale Gegner also für Rudi Völlers Aufbauprogramm. Die Jugend hat in Budapest Hallo gesagt, aber nicht Hurra geschrien. Im Gegenteil: Gerade die Jungen beurteilten das Spiel mit der Sachlichkeit und den üblichen Sprachbildern der Routiniers. "Die Kirche im Dorf lassen", mahnte Sebastian Deisler fast schon ein bisschen zu altklug. Das Spiel sei eine gute Vorbereitung für England gewesen. Mehr nicht. Die eigene Leistung beurteilt der Herthaner mit Plattitüden wie: "Ich habe mich in den Dienst der Mannschaft gestellt."

Zu viel Bescheidenheit. Sebastian Deisler, 21 Jahre jung, war der unumstrittene Chef dieser jungen Mannschaft. Als der Spielmacher so richtig in Tritt kam, kam auch das deutsche Spiel auf Touren. Die Tore fielen zwangsläufig durch Jörg Böhme per Foulelfmeter sowie durch Sebastian Kehl, Carsten Jancker, Frank Baumann und Oliver Bierhoff bei Gegentreffern nach dem 4:0 durch Attila Tököli und Ferenc Horvath. Über Sebastian Deisler sagt Krisztian Lisztes, am Mittwochabend sein ungarischer Gegenpart, der früher beim VfB Stuttgart war und jetzt für den SV Werder Bremen kickt: "Er spielt Fußball mit Spaß. Das ist in Deutschland ganz selten."

Sebastian Kehl ist auch erst 21 Jahre alt. Aber auch er redete, als habe er bereits hundert Länderspiele in den Beinen und kenne aus langjähriger Erfahrung die Kurzlebigkeit solcher Erfolgserlebnisse. "Nächste Woche interessiert das niemanden mehr", sagte Kehl. Also machte der Schlaks aus Freiburg von seinem ersten Länderspiel von Beginn an und seinem spektakulären Torschuss zum 2:0 auch wenig Aufhebens. "Ich nehme das Ding, treffe gut, und es sitzt drin."

Viel wichtiger schien Sebastian Kehl der Hinweis auf seine Schuld am zweiten Gegentreffer. Zur Selbstkritik gehörte auch die Anmerkung, er sei anfangs etwas nervös und gegen Ende ein bisschen müde gewesen. Die Lobeshymnen des Fifa-Präsidenten ehrten ihn zwar, doch solle man ein Urteil nicht von einem Spiel abhängig machen. "Am Samstag ist Bundesliga. Da kann es Kritik hageln. Ich weiß, wie schnell das geht."

So sind sie, die coolen Typen der neuen Generation, der ein Lars Ricken bereits entwachsen scheint. Es war jedenfalls amüsant zu hören, wie der 25-jährige Dortmunder von der "Unbefangenheit und Unbekümmertheit der Jungen", redete, die "Frische ins Spiel gebracht" hätten.

Rudi Völler hat nun ein Luxusproblem. In einem Spiel, das er ursprünglich wegen der vielen Ausfälle nicht als "klassische Generalprobe" für England angesehen hatte, haben sich auf einmal fast alle Spieler der Verlegenheitsauswahl wie auch Frank Baumann, Jörg Böhme und Gerald Asamoah aufgedrängt. Die fehlenden Etablierten bekommen plötzlich ernsthafte Konkurrenz. Rudi Völler kann aus dem Vollen schöpfen. Für den deutschen Teamchef heißt es nun: Für die Zukunft eine gesunde Mischung zu finden.

Und auf einmal mischt sogar Oliver Bierhoff wieder mit. Der Stürmer hatte sich schon darauf eingestellt, nicht zum Einsatz zu kommen. Doch überraschend schickte ihn Rudi Völler kurz vor Schluss noch aufs Feld. Und prompt gelang Bierhoff in der 92. Minute nach über einem Jahr wieder ein Tor für Deutschland. Über lange 498 Minuten Fußball hatte er zuletzt gar nicht mehr getroffen. "Jetzt kann ich wieder bei null anfangen und werde nicht immer mit den Minuten konfrontiert, in denen ich nicht erfolgreich war", sagte Bierhoff erleichtert. "Das wird ihm in seiner jetzigen schwierigen Phase Rückenwind geben", glaubt Völler. "Genauso wichtig war das Tor für Carsten Jancker." Von den 19 Spielern im Budapester Aufgebot kamen alle 18 Feldspieler zum Einsatz. Erst nach dem Abpfiff fiel Jens Lehmann auf, dass er als Einziger auf der Bank sitzen geblieben war. "Das ist das Los des zweiten Torwarts." Und hat mit dem Alter nichts zu tun.

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