Fußball-WM-2010 : 20.000 Meilen bis zum Titel

Die größte Herausforderung für das deutsche WM-Team ist die Logistik.

Gregor Derichs[Kapstadt]
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Warnschilder säumen die Straßen durch Südafrika - nicht ohne Grund. -Foto: Imago

Mit der Landung am frühen Sonntagmorgen in Frankfurt nach einem zehnstündigen Rückflug aus Kapstadt war die Planung der Fußball-Weltmeisterschaft für Joachim Löw weitgehend abgeschlossen. Direkt nach der Auslosung hatte die Stunde von Hans-Dieter Flick geschlagen. Der Assistent von Bundestrainer Löw ist der Technik- und Computerexperte in der Teamführung der deutschen Nationalmannschaft. Flick hatte die gesamte Planung des Projekts „WM in Südafrika“ vorbereitet.

Die größte Herausforderung sind die Reisewege bei der WM. Das Land am Kap der guten Hoffnung ist dreieinhalb Mal so groß wie Deutschland. Von der Logistik hätte es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kaum schlechter treffen können. „Es wäre besser gewesen, wir wären ein anderer Gruppenkopf geworden. Aber es war klar, dass jede Mannschaft bei der WM auch reisen muss. Wir werden uns drauf einstellen und nehmen es, wie es kommt“, sagte Löw.

Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea musste die Mannschaft für sieben Spiele mehr als 15 000 Kilometer zurücklegen. So viel müssen es in Südafrika selbst bei einer Endspielteilnahme nicht werden, doch auf 8000 bis 9000 Kilometer könnte sich der Reiseaufwand für dieses Turnier summieren. Der Blick auf das Turnier-Tableau allerdings ist erfreulich: Rekord-Weltmeister Brasilien, Europameister Spanien, Weltmeister Italien, die Niederlande, Portugal oder die Elfenbeinküste drohen frühestens im Halbfinale – falls die eigene Gruppe D gewonnen wird. Das Quartier „Hotel Velmore Grande“ in Centurion, zwischen Johannesburg mit seinen Dauerstaus und der Hauptstadt Pretoria gelegen, wurde auch deswegen ausgewählt, weil mit Lanseria und Tambo zwei Flughäfen relativ schnell erreichbar sind.

Aber nicht nur Mannschaft und Trainerteam müssen durch das Land bewegt werden, sondern ein Tross von möglicherweise tausenden Fans müsste sich bei teilweise katastrophalen Straßenverhältnissen von Johannesburg in die Küstenstädte nach Durban und Port Elizabeth bewegen. Nur die Autobahn ins 1400 Kilometer entfernte Kapstadt entspricht in etwa deutschen Verhältnissen, allerdings mit Linksverkehr und Verkehrsteilnehmern in abenteuerlichen Schrottkisten. Doch abseits dieser Hauptader empfiehlt niemand, sich mit einem Mietwagen durch das Land zu bewegen. Vor allem nicht im Winter, der im Juni/Juli in der südlichen Hemisphäre herrscht. Es wird um 18 Uhr stockdunkel und die Temperatur geht bis auf den Gefrierpunkt runter.

Die deutsche Botschaft mahnt, die Hotels abends nicht zu verlassen. Wer Opfer eines Gewaltverbrechens oder eines Überfalls würde, hätte sich in der Regel am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt aufgehalten. Reisende Fans werden keinen Schutz haben. Abseits der Zentren sind die Straßen unbeleuchtet. „Machen Sie lieber einen Spaziergang in ihrem Hotelzimmer“, gab Manfred Schäfer von der Deutschen Botschaft eine Verhaltensregel aus. Ein Besuch der geplanten Public-Viewing-Zonen widerspräche jeglicher südafrikanischer Gepflogenheit. „Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Spieler auf dieses Land vorbereiten“, sagt Teammanager Oliver Bierhoff. Schusssichere Westen seien nicht nötig, aber die Kosten für zusätzliche Bodyguards werden erheblich sein.

Das deutsche Team wird privilegiert reisen, für den Normalverbraucher waren etliche Flüge nicht einmal 24 Stunden nach der Auslosung ausgebucht. Der Flug von Johannesburg nach Kapstadt am Halbfinaltag kostet pro Person schon mehr als 1000 Euro bei Billigfluggesellschaften, die damit 15 Mal so viel verlangen wie normal. Alternativen gibt es keine. Es gibt in Südafrika keine Zugverbindungen, die diesen Namen verdienen.

Schon in der Vorrunde muss das DFB-Team, das seine Ankunft im WM-Land für den 6. Juni geplant hat, für das Spiel gegen Australien nach Durban (610 Kilometer) und für die Begegnung gegen Serbien nach Port Elizabeth (1100 Kilometer) aus der Höhe der Provinz Gauteng (1500 m Höhenlage) auf Meeresniveau reisen. Lediglich für das Ghana-Spiel in Soccer City in Johannesburg reicht eine Busfahrt. Als Gruppensieger ginge es über Bloemfontein (440 Kilometer) im Achtelfinale weiter in ein Viertelfinale nach Kapstadt (1450 Kilometer), erneut nach Durban, um schließlich in Soccer City vielleicht den vierten WM-Titel zu holen. Immerhin stehen DFB-Fans für die Spiele in dem noch nicht fertiggestellten WM-Hauptstadion (92 000 Plätze) 11 040 Karten zur Verfügung.

Flick und Löw wurden trotz guter Planung überrascht. Im Generalplan der Fifa, der noch am Abend nach der Auslosung verteilt worden war, war das erste Spiel des DFB-Teams auf 16 Uhr terminiert. Doch die Partie gegen Australien am 13. Juni wurde vom Internationalen Fußball-Verband aus Gründen der TV-Vermarktung für den asiatischen Markt auf 20.30 Uhr verschoben. Der Rückflug für die Mannschaft nach dem ersten Spiel am Indischen Ozean wird also zum Nachttrip. Aber die gesamte WM am anderen Ende der Welt könnte ein Abenteuer mit vielen Unbekannten werden.

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