Fußball-WM : Was steckt hinter dem Chelsea-Fluch?

In vielen Nationalteams fallen wichtige Spieler für die WM in Südafrika aus. Das könnte daran liegen, dass die Zeit zur Regeneration immer kürzer wird - und das Spiel härter.

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Aus den verletzten Stars der verschiedenen Nationalteams ließe sich inzwischen eine ganze Mannschaft basteln.
Aus den verletzten Stars der verschiedenen Nationalteams ließe sich inzwischen eine ganze Mannschaft basteln.Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Berlin - Fußballer neigen ja im Allgemeinen zum Aberglauben. Und deshalb überrascht es nicht, dass zurzeit oft vom „Chelsea-Fluch“ die Rede ist. Gleich fünf Profis des Englischen Meisters können wegen Verletzungen nicht bei der WM in Südafrika antreten. Michael Ballack, Michael Essien, José Bosingwa, John Obi Mikel und womöglich auch Didier Drogba – da kann man schon mal auf überirdische Gedanken kommen. Aber vielleicht gibt es doch eine ganz rationale Erklärung für das Phänomen: Chelsea musste in der Premier League bis zum letzten Spieltag kämpfen, die Meisterschaft wurde mit einem Punkt Vorsprung geholt. Den Pokal gewann Chelsea ebenfalls (Ballack verletzte sich im Finale nach einem brutalen Foul von Kevin-Prince Boateng), und in der Champions League kamen die Londoner ins Achtelfinale. Die Spieldichte war also hoch – hängen die Verletzungen damit zusammen?

„Die Pausen zur Regeneration sind im Fußball im Allgemeinen kürzer geworden. Das führt zu mehr Verletzten“, sagt Marcus Schweizer. Der langjährige Teamarzt des Zweitligisten Karlsruher SC glaubt, dass auch das immer rasanter werdende Spiel seinen Teil zu der Verletzungshäufigkeit beiträgt. Schweizer vermutet deshalb einen ganz grundsätzlichen Trend: „Der Fokus bei der Auslese von Spielern hat sich verändert. Heutzutage werden eher die Spieler Profis, die nicht so verletzungsanfällig sind.“ Vor zehn oder zwanzig Jahren hätte der Schwerpunkt tendenziell noch mehr auf spielerischem Talent gelegen. Schweizers Kollege Bernd Kabelka hat darüber hinaus eine Erklärung für die vielen verletzten Stars, aus denen sich inzwischen eine ganze Mannschaft basteln ließe (siehe Grafik unten). „Die Besten werden inzwischen besonders hart von ihren Gegenspielern attackiert. Das hat man bei den Fouls an Ballack und Drogba gesehen“, sagt Kabelka, der an der Universität Hamburg einen Lehrstuhl für Sportmedizin hat und unter anderem die Klitschko-Brüder betreut.

Immerhin haben sich auch die medizinischen Voraussetzungen verbessert. So glauben die Holländer noch an den Einsatz Arjen Robbens, der sich am Samstag im Testspiel gegen Ungarn eine Muskelverletzung im Oberschenkel zugezogen hatte und zunächst nicht mit der Mannschaft nach Johannesburg flog. „Die Behandlungsmethoden für derartige Verletzungen haben sich enorm verbessert, deshalb gebe ich die Hoffnung noch nicht auf“, sagte Bondscoach Bert van Marwijk. Am heutigen Montag fällt die endgültige Entscheidung.

Auch bei Didier Drogba soll noch nicht alles vorbei sein. Nach einer Operation in Bern an seinem gebrochenen Ellbogen kann der Ivorer mindestens hoffen. „Der notwendige chirurgische Eingriff ist erfolgreich verlaufen“, sagte Hego Ouattara, Generalsekretär des Fußball-Verbandes der Elfenbeinküste. Man sei zuversichtlich, „dass es eine schnelle Genesung gibt“ und Drogba dabei sei. Der Stürmer könnte mit einer Manschette auflaufen, wie Philipp Lahm bei der WM 2006. Bei Lahm hatte es sich allerdings um eine Bänderverletzung gehandelt, nicht wie bei Drogba um einen Bruch.

Die Deutschen sind diesmal auch wieder erheblich betroffen. Ballack, René Adler, Simon Rolfes, Christian Träsch, Heiko Westermann – die Situation ähnelt der misslichen Lage bei der WM 2002. Damals hatten sich in Sebastian Deisler, Jens Nowotny und Christian Wörns auch gleich drei Stützen verletzt.

Den Stars der argentinischen Selección hingegen geht es besser. Trainer Diego Maradona ist seiner Zeit wohl etwas voraus: Er hat jetzt, in der heißen Phase vor der WM, in der alle anderen Nationen ihre Testspiele haben, keine Partien mehr angesetzt. Stattdessen lässt Maradona gegen eine zweite Mannschaft üben, die ausschließlich als Sparringspartner dient. 15 Spieler hat er neben seinem 23-köpfigen Kader auch mit nach Südafrika genommen, die Mannschaft hat einen eigenen Trainer. Mit Erfolg: Bis Sonntag hat Argentinien keine einzige schwere Verletzung melden müssen.

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