Klose in der Krise : Miro, mein Miro

Miroslav Klose hat eine Saison auf der Ersatzbank der Bayern verbracht, auch in den WM-Testspielen ging er unter. Unser WM-Reporter Miro Rosentritt erklärt, warum der Bundestrainer trotz allem an seinem Sturmführer festhält.

Miro Rosentritt
Klose bekniet den Fußballgott. Es läuft zurzeit einfach nicht rund beim Bayern-Stürmer.
Klose bekniet den Fußballgott. Es läuft zurzeit einfach nicht rund beim Bayern-Stürmer.Foto: ddp

Wenn man die Stimmen der vergangenen Tage im deutschen Teambasecamp richtig deutet, dann wird Miroslav Klose wohl noch der Held dieser Weltmeisterschaft. Ob Trainer, Manager oder Mitspieler, sie alle erzählen, wie sehr sie auf die Künste des einstigen Torjägers setzen. „Miro hat sich oft aus einem Tief herausgekämpft. Ich traue ihm das auch diesmal zu“, sagt Joachim Löw. Und Teammanager Oliver Bierhoff ergänzt: „Er will die WM als Plattform nutzen und seine Klasse zeigen.“ Denn davon war zuletzt nichts mehr zu sehen.

Doch da gibt es noch die anderen Stimmen, die nur der Besungene selbst hört, sie kommen aus seinem Inneren. Was sie ihm sagen, weiß niemand so genau, wäre da nicht seine Körpersprache, die nichts Gutes zu erzählen hat. Miroslav Klose ist auf der Suche nach sich. Und mit ihm sucht eine halbe Nation. Denn eine Startelf gegen Australien am Sonntag wird es vermutlich ohne Klose nicht geben. Dabei fehlt diesem genau das, was für einen Stürmer das Wichtigste ist: Selbstvertrauen. Joachim Löw, der Bundestrainer, hält trotzdem an Klose fest. Kritiker sehen ein Risiko, andere halten den Löwschen Rettungsversuch des alt gedienten Stürmers vom FC Bayern für mindestens ambitioniert.

In den beiden zurückliegenden WM-Testspielen hat es viele Gewinner gegeben im deutschen Team, auf einen aber traf das Gegenteil zu. Klose wirkte wie ein Fremdkörper, er kam nicht in die Zweikämpfe, das Timing bei Kopfbällen stimmte nicht. Gegen Bosnien-Herzegowina kam er auf acht (!) Ballkontakte in einer Halbzeit. Als der Stuttgarter Cacau für ihn eingewechselt wurde, bekam das Spiel der Deutschen Schwung und Gefahr. Hinterher gab es nicht wenige, die glaubten, an jenem 3. Juni sei die Ära Miroslav Klose zu Ende gegangen, nach 96 Länderspielen und 48 Toren.

„Ich weiß wie es ist, als Stürmer treffen zu müssen“, erzählte Bierhoff nach dem Testspiel. Der Teammanager war vor Klose Sturmführer und Kapitän der deutschen Elf. Auch er hat zig Tore geschossen und 1996 den bislang letzten Titel gewonnen. Auch Bierhoff hat lange Hängephasen erlebt, in denen er nicht getroffen hat. „Wenn alle darüber reden, setzt sich da etwas im Kopf fest.“ Verzwickte Lage, sagt Bierhoff, da helfe nur: „Arbeiten und arbeiten, sich die Sicherheit im Training holen.“

Vor zwei Tagen ist Miroslav Klose 32 Jahre alt geworden. Er ist neben Arne Friedrich der einzige Feldspieler eines jungen deutschen Teams, der noch in den Siebzigerjahren geboren ist. Joachim Löw hatte ihm in der Früh schon gratuliert und gleich eine kleine Unterredung daraus gemacht. Klose braucht Zuspruch. Mehr vielleicht als andere im Team, die bei all ihrer Unbekümmertheit nur gewinnen können. Klose aber hat viel zu verlieren. Er war 2002 mit fünf Kopfballtreffern WM-Torschützenkönig, und 2006 hat er noch einmal fünf Treffer erzielt, darunter das wichtige 1:1 im Viertelfinale gegen Argentinien. „Bei Miro kann ich großes Vertrauen haben, er hat es meistens mit Toren zurückgezahlt“, sagt Löw. Doch taugt Vergangenes als Vorhersage?

Tatsächlich hat die deutsche Mannschaft Klose einiges zu verdanken. In der Qualifikation für diese WM hat er zehn Tore geschossen, davon die drei beim 3:3 gegen Finnland und den Siegtreffer in Russland. Löw ist einer, der schon einmal seine schützende Hand über verdiente Spieler gehalten hat und sich damit angreifbar machte. Bei der EM 2008 wurden ein nicht fitter Christoph Metzelder und ein Jens Lehmann durchs Turnier geschleppt, der beim FC Arsenal kaum Spielpraxis hatte. Hinterher hat Löw den Umbruch eingeleitet und das Leistungsprinzip ausgerufen.

Wenn es allein danach ginge, hätte Klose nicht hier sein dürfen. Löw: „Ich habe auch gesehen, dass er wenig gespielt hat.“ Genau genommen hat Klose drei Bundesligaspiele über 90 Minuten absolviert. Noch vor einer Woche hörte sich Löw nicht so überzeugt an: „Er besitzt viel Qualität, die uns vielleicht helfen kann.“ Vielleicht, hatte der Bundestrainer im Südtiroler Trainingslager gesagt. Trotzdem hält Löw an seinem Problemstürmer fest. Den treffsicheren Kevin Kuranyi (18 Tore) hat der Bundestrainer erst gar nicht mitgenommen, und Stefan Kießling (21) wird wohl dann zum Einsatz kommen, wenn es um nichts mehr geht.

Vor einer Woche hat Löw seinem Sturmführer mitteilen müssen, dass nicht er, sondern Philipp Lahm neuer Kapitän werde. Nach Ballacks Ausfall wäre Klose an der Reihe gewesen, wenn es nach der Anzahl der Länderspieleinsätze gegangen wäre. Klose könnte im Achtelfinale sein 100. Länderspiel bestreiten. „Seine Reaktion war wie erwartet“, hat Löw hinterher erzählt. Klose hat nicht gemurrt, sondern sich gefügt und gesagt, dass er seine Rolle „auch ohne Binde“ ausfüllen könne.

Es sind noch zwei Tage bis zum Auftaktspiel gegen Australien. Inzwischen will Joachim Löw bei Miroslav Klose einen Zugewinn an Wohlbefinden festgestellt haben. „Ich habe jetzt ein gutes Gefühl, dass Miro seine Form und vor allem seine körperliche Frische findet, er fühlt sich besser“, sagt Löw. Das müsste der Bundestrainer nicht sagen, wenn er ihn nicht gleich im ersten Gruppenspiel bringen wollte. Klose aber muss sich besser fühlen. Nicht nur mental, vor allem physisch. „Bei ihm hängt viel von der körperlichen Präsenz ab“, sagt Löw. Es soll auch nach Erleichterung klingen.

Die Nationalmannschaft hat Klose einiges zu verdanken. Aber was zählt das noch?

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben