Presseanalyse : Der Blitzkrieg ist ausgeblieben - bislang

Obwohl die Deutschen gegen Australien gewonnen haben, hielt sich die englische Presse in ihren Berichten mit der sonst üblichen Blitzkrieg-Metapher zurück. Unser Autor Stephen Bench-Capon meint aber: Besser nicht zu früh freuen.

Stephen Bench-Capon
Die Sun ist bekannt für eine martialische Sprache. Was die Deutschen angeht, spielt aber auch die New York Times gern mit Stereotypen.
Die Sun ist bekannt für eine martialische Sprache. Was die Deutschen angeht, spielt aber auch die New York Times gern mit...Foto: dpa

„Freut euch nicht zu früh: Die „Sun“ wird morgen trotzdem titeln: German Tanks Blitzed Down Under!“ „Gregorsedlag“ war nicht der einzige Twitterer, der direkt nach dem Abpfiff am Sonntagabend einen Blick auf die englische Presse warf. Die „Sun“ gehört zweifellos zu derselben Riege von Boulevard-Zeitungen wie der „Daily Mirror“. Und dieses Blatt machte vor dem Halbfinale der Europameisterschaft 1996 zwischen England und Deutschland mit dem Titel „Achtung! Surrender!“ auf - zu Bildern von Fußballspielern in Soldatenhelmen.

Das ist 14 Jahre her. Die Twitter-Gemeinschaft war dennoch bestimmt überrascht, als sie von der eigentlichen Schlagzeile der „Sun“ erfuhr: „Strewth!“ Das australische Wort drückt Fassungslosigkeit aus und seine Verwendung weist auf die englische Schadenfreude hin. Die Briten sind also jetzt in der Lage, sich über einen deutschen Fußballsieg zu freuen. Man könnte denken, alle wären total verrückt geworden.

Nicht alle. Deutsche Stereotype sind im Web 2.0 noch sehr lebendig. Ein Blogger aus den USA schreibt nach dem 4:0 gegen Australien: „Es ist das Geburtsrecht jedes Fußballfans, sich mittels billiger Hinweise auf den Zweiten Weltkrieg über die Deutschen lustig zu machen.“ Nach einem Appell an die Amerikaner und die Briten, die „genau wie vor 70 Jahren“ die Deutschen stoppen müssten, endet sein Text mit einem Lob auf den deutschen Nationaltrainer Joachim Löw. Der sei ein geeigneter Nachfolger von Generalfeldmarschall Erwin Rommel. 

Ob witzig oder nicht – dieser Amerikaner bemüht sich zumindest um ein bisschen Ironie. Einige seiner Kollegen bewegen sich auf unterstem Niveau: Die Überschrift „German Blitzkrieg Destroys Soccerpoos“ fiel einem der scharfsinnigeren Vertreter der Blogosphäre ein. Allerdings griffen einige Professionelle auch auf Klassiker zurück. Ein Titel auf der Website des australischen Senders ABC enthält den Begriff „German Blitz“. „The Blitz“ ist die englische Bezeichnung der Angriffe der Luftwaffe auf Großbritannien im Zweiten Weltkrieg. Umso erstaunlicher, dass die Londoner Zeitungen sich derart zurückhalten.

Zumal Kriegsmetaphern ein wesentlicher Bestandteil der weltweiten Sportberichterstattung sind. Auf ihrer Titelseite schreckte die „New York Post“ nach dem Remis gegen England nicht vor einer Anspielung auf die Schlacht von Bunker Hill zurück. Die Schlacht im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1775 sei ebenfalls ein „Unentschieden“ gewesen.

In der russischen Presse wurde bei dieser Gelegenheit auf Kriegswortschatz verzichtet. Die Webseite „Soccer.ru“ konzentrierte sich auf die ausländischen Wurzeln einiger Spieler des „Bundesteams“: „Beim Fußball haben Deutsche immer den Charakter von Siegern, sogar wenn sie Polen, Türken oder Brasilianer sind.“ Leider schien einzig dem „australischen Deutschen“ im Tor der Socceroos diese Stärke zu fehlen.

Nicht, dass die britischen Journalisten vergessen hätten, wie Deutsche so sind. Der „Guardian“ schreibt: „Deutschland wird für gewöhnlich als „effizient“, „robotisch“ oder sogar „mürrisch“ bezeichnet.“ Die deutsche Elf „spielte mit einem Freiheitsgefühl, das man mit ihnen selten in Verbindung bringt“. Im „Telegraph“ wurde die überraschend positive Spielweise der Deutschen noch expliziter angesprochen: „Es ist an der Zeit, dass wir die Stereotypen vom deutschen Fußball Geschichte werden lassen.“ 

Die einzigen Klischees, die sich für die Engländer bestätigt hätten, seien „schonungslose Effizienz“, „die deutsche Maschine“ und „gute Organisation“. Diese ebenfalls klassischen Beispiele stellen aber viel mehr das Positive des deutschen Charakters dar. Darüber hinaus werden Flair und Elan häufig betont, allerdings meistens mit dem Zusatz, dass solche Eigenschaften von deutschen Fußballspielern in der Regel nicht zu erwarten seien.

Man könnte zu dem Schluss kommen: Zeitungen ändern sich. Aber hört lieber auf „Gregorsedlag“: „Freut euch nicht zu früh.“ Möglicherweise ändert sich halt die englische Taktik, denn im Zeitalter von Google News muss man sich weniger offenkundig bewegen. Heutzutage braucht man keinen Bundesnachrichtendienst, um Schlagzeilen abzurufen. Wer aber den ganzen Artikel in der „Sun“ liest, stößt am Ende auf den Satz: „Achtung, die Deutschen kommen.“ Und wenn die Deutschen kommen, und im Achtelfinale oder dem Finale den Engländern begegnen, bringen die Inselreporter mit Sicherheit ihre Panzer und Blitzkriege zum Einsatz. Achtung, die Klischees kommen. 

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