Stilkritik : Trug Joachim Löw Helmut Kohls Strickjacke?

Helmut Kohl trotzte im Juli 1990 in seiner blauen Strickjacke dem Zeitenwind. Bei der WM versuchte es Joachim Löw mit dem gleichen Trick - gegen Serbien ohne den erhofften Effekt.

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Helmut Kohl als modisches Vorbild von Joachim Löw. Foto: dpa
Helmut Kohl als modisches Vorbild von Joachim Löw.Foto: dpa

Wenn für wenige Stunden möglich wird, was sonst unmöglich erscheint, dann nennen zum Pathos neigende Geschichtsschreiber das gern Zeitfenster. Es öffnet sich für einen kurzen Moment, dann schließt es sich wieder, vielleicht für immer. Wer am Zeitfenster steht, dem bläst der eisige Wind des Ungewissen entgegen. Was erwartet ihn? Wer lauert auf der anderen Seite? Wird wirklich alles so kommen, wie die Aussicht es verspricht?

Diese Fragen quälten wohl auch Helmut Kohl, den deutschen Bundeskanzler, als er im Juli 1990 mit Michail Gorbatschow, dem Präsidenten der Sowjetunion, in den Kaukasus reiste. Die Mauer war gefallen, nun öffnete sich ein weiteres Zeitfenster: Kohl hielt die „volle und uneingeschränkte Souveränität Deutschlands“ für möglich. Gorbatschow zögerte. Warum sollte er dem Mann, der ihn mit Goebbels verglichen hatte, einen Gefallen schuldig sein?

Der Wind blies kalt aus dem Zeitfenster. Da holte der Kanzler aus seinem Koffer eine blaue Strickjacke, Größe 68. Sie schützte ihn gegen den Zeitenwind, sie erinnerte ihn an Oggersheim, ein Stück von „diesem unserem Lande“ im fernen Kaukasus. Zugleich war sie leger genug, um ihn nicht verweichlicht erscheinen zu lassen. In ihr ging er mit Gorbatschow spazieren, in ihr rang er ihm die deutsche Wiedervereinigung ab.

Miroslav Klose darf Foto: dpa
Miroslav Klose darfFoto: dpa

Wie Kohl und die Wiedervereinigung geriet auch die Strickjacke aus der Mode. Doch was lange als spießige Freizeitkleidung galt, hat mittlerweile als Casual Look die Kleiderschränke der Metrosexuellen erobert. Auch sie, die den miefigen Strick ihrer Väter eigentlich abschütteln wollten, finden sich nun vor Zeitfenstern wieder und frösteln.

So etwa Bundestrainer Joachim Löw. Was wäre nicht alles möglich gewesen im Spiel gegen Serbien: Ein weiterer berauschender Sieg, die frühzeitige Qualifikation fürs Achtelfinale, ein Durchmarsch, der Beginn einer Ära. 90 Minuten war dieses Zeitfenster offen, es zog wie Hechtsuppe. Also griff Löw, wie der Kanzler, zur Strickjacke. Schick ist sie, zumal körperbetonter als bei Kohl, italienischer Schnitt statt Pfälzer Schlabber. Doch die Serben sind nicht Gorbi, sie ließen nicht mit sich verhandeln.

Kohl glaubt, dass die Dinge sich in Schüben vollziehen, in „historischen Stunden“, wie er sie nennt. Löw aber denkt prozessual, alles fließt – und gerät auch mal ins Stocken. Insofern eignet sich seine Strickjacke auch nicht für die Historisierung. Sie ist ein Accessoire, mehr nicht. Kohls hingegen wurde zur Insignie des Einheitskanzlers.

Heute hängt sie im Bonner Haus der Geschichte. Löw hat wohl schon was Neues geshoppt, im Frust. Vielleicht einen gelben Genscher-Pulli.

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