Unsere WM-Experten : Ohne Schweinsteiger geht es nicht

Nach dem Erfolg gegen Ghana: Marcel Reif freut sich trotz einiger deutscher Baustellen auf England.

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Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Kurz nach dem Spiel traf ich einen alten Freund und Kollegen vom englischen Fernsehen. Ich sagte ihm, dass ich mich freue auf das Achtelfinale zwischen der deutschen Mannschaft und seinen Landsleuten. Woraufhin er antwortete: „Wir nicht, wir haben Angst!“ Das lassen wir jetzt einfach mal so stehen.

Rückblende. Nach der Auslosung der Gruppe D war die Freude und die Zuversicht groß im deutschen Lager. Dann ließ das hervorragende Spiel gegen die Australier – auch wenn die zu diesem Zeitpunkt noch als Freizeitgruppe auftraten – alle Dämme brechen. Ab dann wurde es mühsam. Und das war auch nicht anders zu erwarten von einer so jungen Mannschaft, die vielleicht doch noch erst eine Europameisterschaft gebraucht hätte zur Reifung. Der Druck war hoch vor dem Spiel gegen Ghana, das Wissen belastend, möglicherweise Geschichte zu schreiben, und zwar keine schöne Geschichte, nämlich die der ersten deutschen Mannschaft, die in der Vorrunde scheitert. Sie haben dem Druck stand gehalten. Obwohl in diesem Spiel nicht ihr großes spielerisches Potenzial gefordert war, sondern die Welt als Wille und Stärke, altdeutsche Tugenden eben. Mesut Özils herrlicher Siegtreffer, hatte der nicht starke Ähnlichkeit mit Michael Ballacks Kraftakt gegen Österreich bei der EM 2008? Die Gruppe D war schwerer als erwartet, die Mannschaft hat sie gemeistert.

Dass sie pflegebedürftige Baustellen hat, ist trotzdem offensichtlich. Dass Arne Friedrich einer der besten auf dem Platz war, das ist schön und vielleicht auch ein wenig überraschend. Dass Per Mertesacker zuweilen völlig von der Rolle war, ist auch ein wenig überraschend, allerdings weniger schön. Die gegen Ghana angebotenen Chancen werden andere, namentlich die Engländer, nicht so leichtfertig herschenken. Jerome Boateng hat gezeigt, dass er ebenso kein Außenverteidiger ist wie Holger Badstuber.

Sami Khedira zahlt den Preis dafür, dass er so jung, so früh in verantwortlicher Position agieren muss. Lukas Podolski nähert sich langsam wieder Kölner Verhältnissen, findet also nicht statt. Thomas Müller wirkte müde und Özil schwer beeindruckt. Und schließlich habe ich Jogi Löws Taktik, ein Spiel, das gewonnen werden musste, mit einem einsamen, sich aufreibenden Cacau im Sturm anzugehen, einfach nicht begriffen. Damit ich nicht falsch verstanden werde, Probleme sind das noch nicht. Ein Problem haben die Deutschen erst dann, wenn der überragende Schweinsteiger verletzt ausfallen sollte. Dann muss man sich fragen, ob das alles reicht gegen Engländer, die so langsam in Tritt zu kommen scheinen. Nur die Angst, die der Kollege verspürte, die brauchen wir nicht zu haben.

 

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